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Gerade ist hierzulande Vanity Fair hops gegangen, aber das heißt ja nicht, dass Condè Nast die Geschäfte aufgibt. In Großbritannien hat der Verlag heute ein neues fettes Lifestylemagazin gestartet. Mit einem ebensolchen Cover.
Beth Ditto erinnert an ein anderes Dickerchen, das schon mal mal berühmt war – die kniende Nackte am Strand, unterm Sonnenschirm. Wann war das, in den 70ern oder 80ern? Jedenfalls zu einer Zeit, als ein paar Kilo zuviel auf den Hüften eine Frau nicht für den Rest ihres Lebens in Depressionen stürzten.
In der Mode hängt angeblich die Saumlänge mit der Konjunktur zusammen, wie die Kurve auf der Anzeigentafel der Börse. Je besser die Zeiten, desto kürzer die Röcke, heißt es. Da liegt ein Umkehrschluss nahe. Je schlechter die Zeiten, desto runder die Mädchen.
Übrigens ist Chefredakteurin
Katie Grand das wahrscheinlich größte Talente, das momentan im Frauenzeitschriftenmarkt zugange ist. Es könnte gut sein, dass Condè Nast mit ihr Anna Wintours Nachfolgerin aufbaut.

Karen Duve hat es mit ihrem neuen Roman „Taxi“ in die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft. Warum, sei an einem Zitat verdeutlicht, das so ganz nebenbei beide Geschlechter stilkritisch abfertigt:

„Der Trendforscher hatte sich mit der zunehmenden Vereinzelung der Westeuropäer beschäftigt und vorausgesagt, dass sich in den Großstädten demnächst nach Geschlechtern getrennte Stadtteile herausbilden würden, in denen entweder nur noch Single-Frauen oder nur noch Single- Männer leben würden. Die Single-Frauen würden in schnuckeligen kleinen Stadtteilen wie Eppendorf oder Eimsbüttel wohnen. Sie würden Rüschengardinen an den Fenstern ihrer Altbauten anbringen, und es würde Cafés und Buchläden geben und Geschäfte, in denen man hübschen sinnlosen Krimskrams kaufen konnte. In den Männer-Stadtteilen würden Zweckbauten stehen – ohne Rüschengardinen. Statt Buchläden und Cafés würde es Kneipen und Fast-Food-Ketten geben und mindestens eine Sportarena. Was der Trendforscher bei seinen Prognosen aber noch nicht berücksichtigt hatte, war, dass die Männerstadtteile unter einer fortschreitenden Verslumung zu leiden haben würden. Ich dachte das für ihn zu Ende: Der Dreck bei den Männern würde kniehoch liegen. Bei den Frauen hingegen würde sogar das Laub zusammengeharkt, in kleine Stoffbeutel gefüllt und mit Samtschleifen in den neuesten Herbstmodefarben zugebunden und an den Straßenrand gestellt. Die Frauen würden auch große Plüschtiere auf die Verkehrsinseln setzen und niemand würde sie wegnehmen, außer wenn zufällig mal ein randalierender Mann rüberkäme. Wahrscheinlich würden die Frauen irgendwann das Elend in den Männerslums nicht mehr mit ansehen können, und sie würden freiwillige Putzkolonnen hinüberschicken. Die Putzkolonnen müssten dann weiße Sicherheitsanzüge tragen wie nach einem Reaktorunfall, und wenn sie aus den Männerstadtteilen zurück kämen, müssten sie zuerst durch eine Schleuse mit Desinfektionsduschen. Diese Desinfektionsschleusen wären überhaupt wichtig, damit die Männer nicht ihr ganzes Ungeziefer und ihre Bakterien mit in die kleine pastellfarbene Welt der Frauen trügen. Ich überlegte, in welchen Stadtteilen das Leben grässlicher wäre, und ich konnte mich nicht entscheiden.“

Obwohl der Roman in den 80er Jahren spielt und weder die neue Gebärfreudigkeit der Frauen berücksichtigt, noch die Vercoffeeshopisierung der Innenstädte, an der sich überraschend viele Männer beteiligen, ist er deshalb noch lange nicht altmodisch. Ganz im Gegenteil. So viel allgemeingültige Wahrheiten über beide Geschlechter hat keiner der Krimis auf der Bestseller-Liste zu bieten. Saukomisch ist er außerdem. Sehr empfehlenswerte Urlaubslektüre

Vivienne Westwood kultiviert als große alte Dame des Punk bis heute die schrillen Auftritte. Qietschige Dauerwellfussel, eiserne-Lady-Styling und stilbildende Ignoranz für jede Art von Trend zeichnen sie aus. Sie kann sich selbst ironisieren ohne sich dabei zur Witzfigur zu machen wie eine Donatella Versace. Deren verzweifelter Versuch, mittels Chirurgie jung zu bleiben, weckt höchsten noch Mitleid. Wie souverän dagegen Vivienne Westwood.

Der britische Esquire hat anläßlich seines 75. Geburtstags ein paar Modedesigner gebeten, ein altes Esquire-Cover nachzustellen. Und prompt bewies die britische Provokateuse, dass sie mit ihren Ideen ihren Konkurrenten immer noch weit vorauseilen kann.

Vivienne Westwood pur. Ungeliftet, nicht gebotoxt – ja nicht mal geschminkt. In vornehmer Blässe (ist auch viel gesünder) statt armanihafter Solariumsbräune. Die Falten am Hals nicht à la Lagerfeld hinter einem absurd hohen Kragen eingequetscht. Den punkigen Totenkopf adrett an die Perlenkette gelegt. Mit feinem Großmutterlächeln. Soviel Mut zur Wahrheit muss ihr in diesem Gewerbe erst mal eine(r) nachmachen.

Charlotte Roche nähert sich mit den „Feuchtgebieten“ dem 1millionsten verkauften Exemplar. Sie wird gerade reich damit. Und immer noch ist in den vielen Feuilletonartikeln über sie die Ratlosigkeit zu spüren, bei der Suche nach den Gründen dieses Erfolgs. In einer lesenswerten Zeitreportage über das deutsche Romanwunder wird eine 24jährige Cynthia zitiert: „Charlotte hat ein Bild unserer Generation gezeigt, wie sie sein könnte, wenn der Schönheitswahn uns nicht so unfrei gemacht hätte.“ Genau das ist es. Charlotte Roche spricht der riesigen Mehrheit der Frauen aus der Seele, die es nie wagen würden, sich den kritischen Augen einer Heidi Klum auszuliefern – sich aber total von ihr verunsichern lässt. Und dafür, dass Roche sich nicht den Schneid abkaufen lässt und stellvertretend für alle eine klare Gegenmeinung ausdrückt, darf sie mindestens genauso reich werden wie Klum.

Auch meine kritische Begutachtung von Claudia Roth (im Post davor) geschah eher in der Klumschen als in der Tradition von Charlotte Roche.
„Aber, aber, meine Liebe“, schrieb daraufhin L. in einer Mail, „warum so kritisch mit der Roth? Ich sehe vor allem ein strahlendes Wesen und ganz schöne Beine und finde die Würste
halb so wild. Und der Satz stimmt überhaupt nicht:
Vertraue nie den Komplimenten von anderen Frauen.
Du hast nur ein paar falsche Freundinnen.“

So kann man Pölsterchen auch sehen. Und das ist sicherlich die sympathischere Einstellung.

Was Komplimente von Frauen angeht, bleibe ich allerdings dabei: Vorsicht damit. Erst recht, wenn die Komplimente von Mitarbeiterinnen eines Klatschblatts kommen, die auf besonders herzlich machen. Verwechsle Schleimerinnen nie mit Freundinnen – also mit Frauen, denen man aus Erfahrung vertrauen darf. Die müssen dafür nicht unbedingt immer freundlich sein.

Die Bermudas für Frauen auf innerstädtischen Straßen war einer der hässlichsten Trends unserer mit hässlichen Trends reich gesegneten Zeit. Daran konnte auch die Kombi mit schicken Stilettos nichts ändern. Nun scheinen die kniekurzen Absonderlichkeiten sich gottseidank wieder dahin zurückzuziehen, wo sie noch am wenigsten Schaden anrichten können: an die Beine männlicher Jugendlicher. Da die Originalbermudas nichts anderes sind als kurze Khaki-Hosen, ist nun die richtige Zeit, um ihre Erwachsenenvariante – die Khakis mit normallangen Beinen – hier ausdrücklich zu loben. Und sie besonders Frauen nochmal wärmstens zu empfehlen.


Fotos: style.com

1. weil sie ein bisschen zerknittert am lässigsten wirken. Das Rumgewirbele in der Waschmaschinen tut ihnen garnichts, nur Bügelfalten lassen sie verdrossen aussehen.
2. weil seit Katherine Hepburn und Marlene Dietrich klar ist, dass man sich auf den androgynen Sexappeal der Khakis immer verlassen kann. Auch wenn man nicht, wie ein Hollywoodstar beim Showeinsatz vor Kriegstruppen im Ausland oder bei der Flucht vor Paparazzi beim Verlassen eines Fitness-Studios, auf sein Image bedacht sein muss.
3. weil es sie von jeder Firma in jedem Schnitt für jede Figur gibt. Am schönsten in dem mittelschweren Baumwollpopelin, den auch schon die britischen Kolonialsoldaten bevorzugten. Ein paar moderne Fasern drin und etwas Stretch schadet ihnen aber ebenfalls nicht.
4. Weil der absolute Trendschuh dieses Sommers – die Römersandale – perfekt dazu passt. Von weißen Turnschuhen bis zu silbernen Killerstilettos geht aber auch alles andere.
5. weil Khakis auch Chinos genannt werden. Eine Wortschöpfung der Latinos in den USA für etwas leicht gebräuntes. Chino ist also ein andere Bezeichnung für ein schönes, warmes Beige – und das ist eine der Farben, die nie aus der Mode kommen.
5. weil schönes, warmes Beige zwischen Sand und Schlamm oszilieren kann. Zugegebenermaßen eine Tarnfarbenpalette, die auch beim Militär gute Dienste leistet. Stylingmäßig ist sie eine Erleuchtung, weil sie sich mit jeder – wirklich jeder – Farbe hervorragend verträgt.
6.weil sogar Edeldesigner sich regelmäßig in Chinos verlieben und ihre Schönheit demonstrativ zur Schau stellen. Wie diesen Sommer Stefano Pilati für Yves Saint Laurent (oben).
Es gibt wirklich keinen Grund, diese königliche Hose am Knie zu amputieren und sie, zur Bermuda verunstaltet, ihrer Würde zu berauben.

La Reski hat mir ein Buch geschenkt – und dazu einen plissierten Seidenschal in einem klaren fjordfarbenen Türkis.
Da Frau Reski bekanntermaßen in Venedig lebt, hat ihr Geschenk einen kommunalen kulturhistorischen Bezug. Der Schal stammt von dem venezianischen Label Venetia Studium, dessen Läden auf der mit Kitsch vollgestopften Touristenrennstrecke zwischen Markusplatz und Rialtobrücke durch exquisite Waren und liebevolle Schaufenstergestaltung Italiens Ruf als Stylehochburg retten helfen. Das Buch ist eine Biographie über Mariano Fortuny, der etwa zwischen 1915 und 1940 die reichen Touristinnen in Venedig mit Kleidern, Schals und Tüchern ausstattete und unter Modekennern einen ähnlich legendären Ruf genießt wie Christian Dior oder Coco Chanel.

Fortuny war Spanier, stammte aus einer Künstlerfamilie und lebte imagefördernd in einem Palazzo. Mit seiner Frau entwickelte er einzigartige Methoden, Seide zu färben und plissieren und Samt mit mit orientalischen Mustern zu bedrucken. In einer Zeit, in der Frauen sich noch in Korsetts schnürten, schneiderte er aus seinen Pliseestoffen einfache, lockere Tunikakleider, die er nach den griechischen Statuen benannte, die ihn inspiriert hatten: „Delphos“.

Auf dem auch schon nicht mehr ganz taufrischen Foto trägt Lauren Hutton ein „Delphos“ aus den frühen 30ern mit passendem Samtumhang. Sehr schön zu erkennen und typisch für ein Fortunykleid: der wunderbare Schimmer des Seidenplisees und die mit alten venezianischen Glasperlen eingefassten Säume. Ursprünglich war ein „Delphos“ als „Teekleid“ gedacht, weil man es für zu simpel hielt, um damit auf die Straße zu gehen. Aber reiche amerikanische Socialites, britische Gräfinnen und Hollywoodstars entdeckten schnell, wie sexy sie in den figurumschmeichelnden Hüllen wirkten und machten die Fortuny-Kreationen als Abendkleider High-Society-fähig.

Fortuny führte das glückliche Leben eines Darlings reicher Damen. Er verstand sich nie als Modeschöpfer, sondern als Künstler und Erfinder, der schöne Stoffe herstellen wollte, sich aber für die gerade herrschenden Trends nicht interessierte. So konnte ihm auch keine Kollektion floppen. Jedes seiner Kleider war ein Unikat, immer auf der Basis des Delphos. 30 Jahre fast unverändert. Nach seinem Tod verkauften seine Erben zwar Lizenzen für den Namen Fortuny, aber da es keine genauen Aufzeichnungen über seine Färbe-und Plissierungsmethode gab, blieb die Qualität der Fortuny-Seide lang unerreicht.

Wer heute mit einem Delphos liebäugelt, hat zwei Möglichkeiten: mit Glück und dem nötigen Kleingeld (um 10 000 Euro) kann man ab und zu in Luxus-Vintage-Auktionen noch ein Original ersteigern. Oder man lässt sich bei Venetia Studium ein Kleid im Stile Fortunys maßschneidern. Lino Lando, der Besitzer der Manufaktur (und, jetzt muß es mal gesagt werden: ein lieber Freund der Familie) hat jahrelang experimentiert, bis er Fortunys Geheimnisse auf die Spur kam. Seine Stoffe, die er auch zu Schals, Tücher, Taschen und Kissen verarbeitet, haben den gleichen, morbiden Charme wie die Originale. Außerdem im Programm: asiatisch inspirierte Lampen nach den Designs von Fortuny. Auch wenn man mir jetzt vorwerfen kann, nicht ganz unparteiisch zu sein, bleibe ich doch bei meiner Meinung: Für Modefans die schönsten Souvenirs, die Venedig zu bieten hat.

„Kämmen ist spießig“ sagte mir vor Jahren eine Freundin. Ein Hinweis, den ich bis heute beherzige. Was manchmal für Verwirrung sorgt, vor allem bei Mitmenschen, die das Chaos auf meinem Kopf als Hinweis auf die Verfassung seines Inhalt sehen. Dass dies so ist, liegt – das muss hier ausdrücklich hinzugefügt werden – nicht an meinem Friseur.

Nein, das bin nicht ich. Das ist ein Model. Mein Friseur Klaus Tischer hat mit ihr und der wuscheligen Kreation in Weißblond den German Hairdresser Award 2007 als bester Haarschneidekünstler Süddeutschlands gewonnen und damit Georg Baselitz‘ berühmten Satz „Kreativität ist was für Friseure“ aufs schönste bestätigt.

Jede Frau braucht einen congenialen Stylisten an ihrer Seite, deswegen käme mir nie in den Sinn, Klaus gegen einen seiner Kollegen auszutauschen. Womöglich noch aus dem selben Salon. Aber es gibt solche wankelmütigen Naturen, die heimlich mit dem Scherenvirtuosen nebenan liebäugeln. Meist in der irrigen Annahme, der andere kriegte sie schöner hin. Das Dilemma, das solch ein Wunsch nach einer neuen Beziehung auslöst, erörterte kürzlich sogar der SZ-Hausphilosoph Rainer Erlinger in seiner Magazin-Kolumne. Er empfahl, mit einem „charmanten Hinweis à la ‚Jetzt ist mal ein anderer dran'“ den Platz vor dem Spiegel zu wechseln. Mal ganz davon abgesehen, was Herr Erlinger für charmant hält: diese Antwort ist in keinster Weise geeignet das schlechte Gewissen über einen Hochverrat zu mildern. Man sagt ja auch nicht seinem Mann – egal wie liebevoll – jetzt ist mal ein anderer dran und legt sich dann abends seelenruhig neben ihn ins Bett.
Aber wie ist die delikate Angelegenheit sonst zu bewältigen?

Die Antwort erhielt ich bei einer Lesung im Münchner Salon von Ulrich Graf. Christian Schünemann stellte dort seinen zweiten höchst amüsanten Frisör-Krimi „Der Bruder“ vor und obwohl Herr Graf ganz buddhamäßig in sich ruhend ebenfalls zuhörte, wagte ich nicht, dem Meister selbst die Frage zu stellen. Stattdessen aber einem Kreis seiner Kundinnen. Das Entsetzen legte sich wie ein Nebel billig-klebrigen Haarsprays über die Damen. Dann flüsterte eine so leise, dass die anwesenden Graf-Angestellten nichts davon mitkriegten: „Also nein, das geht überhaupt nicht. Da kann man nur eins machen: Den Salon wechseln und sich nie wieder blicken lassen.“ Die anderen nickten.

Ein beeindruckendes Beispiel für den weltberühmten Berlin Style: Penis mit Pickelhaube

Wenn Schaufensterpuppen Rückschlüsse zulassen auf das Frauenbild einer Gesellschaft, dann ist im Moment eine interessante Entwicklung im Gang.

Früher schmückten wohlfrisierte Damen die Fenster, deren Haarpracht spontanen Neid auslösten. Dann waren eine Zeitlang mit weißem Lack überzogene Abbilder von Brigitte Nielsen (der furchteinflößenden dänischen Ex-Ehefrau von Sylvester Stallone) sehr populär. Oder es hingen mehr oder weniger kunstvoll designte Kleiderbügel rum (quasi als versinnbildlichte Aussage aller Models mit Minderwertigkeitsgefühlen, die sich als „Kleiderständer“ mißbraucht fühlen). Seit Jahren bevölkern nun vor allem elegante, kopflose Figuren die Auslagen, in die sich die Betrachterin leicht hineindenken kann. Jetzt haben sie Konkurrenz bekommen: zierliche großäugige Nymphen mit aisatischem Einschlag, die das Wunder vollbringen, gleichzeitig (Tschuldigung) schlitz- und kulleräugig die Welt zu bestaunen.

Nicht das sowas neu wäre. Kunstobjekte im Kindchenschema gibt’s als Putten, kleine Jesulein, Prinzessinnen aller Epochen und aus dem Tierreich.

Bambi sollte den Identifikationsimpuls vor allem bei Kids wecken (lange bevor in vergoldeter Geschmacklosigkeit Filmstars damit umschmeichelt wurden. Aber das ist eine andere Geschichte). Die rehäugigen Schaufensterpuppen in Designerfähnchen in Münchens Upperclassboutique Teresa wenden sich dagegen eindeutig an Frauen mit gehobenem Einkommen – und das können ja nicht nur Teenagertöchter sein. Oder sollen die Lolitas doch eher einkommensstarke Ehemänner dazu anregen, dem heiß geliebten Trophywife was Nettes von Cloé oder Gucci zu apportieren?

Möglich ist auch , dass die Schaufenstergestaltung eine kaufkräftige Touristenklientel aus Asien ansprechen soll, die München traditionsgemäß sehr schätzt.

Oder eben alles zusammen. Bambi und Mangamädels als wesensverwandte Comicfiguren bedienen die Sehnsucht von Erwachsenen nach Kitsch genauso wie der japanische Künstler Takashi Murakami. Der hat es geschafft, mit Spitzenpreisen das schlechte Gewissen der Ästheten zu beruhigen. Vielleicht handelt der Schaufensterdekorateur bei Teresa ähnlich clever.

In den Mangaforen im Web freuen sich die Teenagermädels noch ganz unmittelbar an den japanischen Erbinnen von Pipi Langstrumpf. Die Bilder der Mangaheldinnen helfen ihnen, hat man den Eindruck, die Angst vor dem Erwachsenwerden zu bewältigen.

Und vielleicht schaffen genau das die Magapuppen im Schaufenster von Teresa auch. Die weibliche Angst vor dem Erwachsenwerden (oder gemeiner: vor dem Altern) für ein paar Augenblick weg zu zaubern.

Eigentlich wähnte ich mich endlich in einem Alter, in dem mich nichts mehr schockieren kann. Und dann gelang es doch zwei Frauen innerhalb kürzester Zeit:

1. Der wunderbaren Charlotte Roche mit ihrem – na sagen wir mal kontrovers diskutierten – Roman Feuchtgebiete.

Freundin L. drückte mir das Buch in die Hand, mit dem Hinweis, ihre beiden 20jährigen Töchter fänden es „ekelhaft“. So was macht neugierig. Dies ist kein Buch, mit dem man sich gemütlich auf die Couch zurück zieht. Es dauerte Tage, bis ich die 218 Seiten bezwungen hatte. Die Beschreibung von so unfeinen Sachen wie Hämorrhoiden, Kloritualen und proktokologischen Untersuchungen („beim Arzt für unten hinten“) oder die liebevolle Klassifizierung der Schleimabsonderungen diverser Körperöffnungen verlangt vom Leser viel Durchhaltewillen. Die ganze Zeit schwankte ich zwischen Abwehr, Faszination, Amüsiertheit und Respekt für den Mut der Autorin.

2. Als mir dann noch mein 18jähriger Sohn Lady „Bitch“ Rays Video „Du bist krank“ vorspielte, weil er es „echt gräßlich“ fand, brauchte ich auch erst mal eine längere Denkpause – die sich beim recherchieren immer länger ausdehnte.

Lady Ray rappt nicht nur. Auf ihrer My-Space-Seite erweist sie sich als auch begnadete Selbstdarstellerin. Das obige Votzen-Sport-Workout-Programm zum Nachturnen z.B. hat echte Performance-Qualität.
Schnell stellt sich die Frage: Ist das, was diese deutsch-türkische Rapperin alles veranstaltet, nun Porno, Kitsch, Kunst oder einfach nur sehr, sehr clevere Selbstvermarktung?

Manchmal können die guten alten Printzeitungen beim Nachdenken dann doch noch behilflich sein. Heute erschienen in der SZ unabhängig voneinander ein Artikel über Charlotte Roche (im Feuilleton) und einer über Lady Bitch Ray (im Vermischten). Eine Platzierung, die darauf hinweist, dass ich nicht allein stehe mit meiner Verwirrung über dieses neue deutsche Frauenphänomen. Lothar Müllers zwei Spalten lange Besprechung zielt darauf ab, Charlotte Roche nachzuweisen, dass sie „an Heidi Klum leidet“ und „den Mädchen, die nach Castingshows wie ‚Deutschland sucht das Supermodell‘ anstehen, eine möglichst rabiate Gegenfigur“ anbieten wollte. Ein guter Trick eines intellektuellen Zeitungsschreibes, um sich vor dem Reflektieren weiblicher Sexualität zu drücken, ohne sich zu weit davon zu entfernen. Muss er so doch keine unanständigen Worte fürchten. Und falsch ist der Hinweis auf die Casting-Shows nicht.

Claudia Frommes sympathisierendes Porträt über Lady Ray liest sich sehr vergnüglich. Am Ende mag man die Bitch, versteht, was sie antreibt und wundert sich nicht, wenn sie sich als „eine Feministin der neuen Generation“ bezeichnet – und auch Charlotte Roche dazu zählt. Die Erkenntnis „man muss nicht aussehen wie eine Eule, um für die Frauenrechte zu kämpfen“ ist zwar nicht neu aber sie stimmt noch immer. Auf die Frage, warum sie das alles tut, antwortet sie im verweiblichten Rapper-Slang, es habe sie „einfach in der Möse gejuckt.“

Charlotte Roche wäre mit dieser Antwort sicher auch einverstanden.

Tut mir Leid, L. T. R. und P., aber ich finde sie doch super, die beiden Ladies.

Es gibt ein neues Wort auf Styling-Denglish: Color Blocking. Das hat was mit Blockhaus zu tun oder mit Blockstreifen und bedeutet unter Grafikern, dass eine Layout möglichst gekonnt mit Farbflächen gefüllt wird. Je unterschiedlicher, fetter und klotziger, desto spannender. Umgesetzt in Mode sieht das so aus:

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Ungewöhnliche Farben miteinander zu tragen ist ein Riesentrend in diesem Sommer. Wobei auffällt, dass kaum ein Designer sich so richtig ran traut. Aus lauter Angst, zu bunt zu wirken, bleiben sie dann doch gerne auf vertrautem Terrain und kombinieren Ton in Ton oder mit höchstens zwei starken Farben statt auch mal gewagter zu mischen. Den Mut bringen eher die Kids auf der Straße auf. Die feiern in den USA schon color blocking parties, auf denen die Gäste so bunt rausgeputzt wie möglich erscheinen. Aber stylish natürlich und nicht nur einfach quietschig. Der New Yorker Nachwuchsdesigner Chris Benz hat für seine Sommerkollektion so ein Farbenfest inszeniert und ließ damit die geschmackvoll nuancierten alten Meistern ziemlich blass aussehen.

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Einen alten Meister gibt es natürlich, den auch der verwegenste junge wilde nicht übertrumpfen kann. Sein color blocking zieht im Moment die Besucher in Scharen in die Münchner Hypokulturstiftung, wo noch bis 27. April Arbeiten von Mark Rothko ausgestellt sind.

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Wobei Rothko das, was ich hier getan habe, nämlich seine Arbeiten einfach hübsch nebeneinander aufzureihen, aufs höchste missbilligt hätte. Er verabscheute es, wenn Malerei als Dekoration benutzt wurde. Seine Kunst sollte sinnliche Erfahrungen auslösen und nicht einfach nur adrett über dem Sofa hängen (oder – noch schlimmer – als modische Spielerei eine Saison lang durch die Welt geistern).

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Mea culpa – aber die Versuchung, mit color blocking ein bisschen color blogging zu betreiben, war einfach zu groß.

Rothko-Fotos via National Gallery of Art, Washington (mit einer lesenswerten Online-Übersicht über das Werk von Mark Rothko). Alle Modefotos courtesy style.com

Wenn sich alle Welt für etwas begeistert, ist das nicht grundsätzlich ein Qualitätsmerkmal. Deshalb neige ich auch dazu, alles was hoch gehyped wird, zu ignorieren. Bis mir dann jemand das Buch in die Hand drückt oder mich in den Film schleppt und mich auf diese Weise zu der Einsicht zwingt: Auch mir gefällt manchmal, was alle Welt gut findet. Trotz der Peinlichkeit, mich schon wieder auf einer Linie mit der Zeitschrift Brigitte wiederzufinden. Die hat Miranda July schon vor Wochen gefeiert und war damit verdammt spät dran, denn außer mir und Brigitte befasst sich der Rest der Welt schon seit mindestens zwei Jahren mit der kalifornischen Künstlerin, die von sich selber sagt, sie sei „eine Autorin, die Filme macht, Videos dreht, Performances aufführt“ – und selbstverständlich auch die Website für ihr erstes Buch selbst gestaltet hat.

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Foto via David Byrnes Website ( ja, genau der von den Talking Heads.)

Ein It-Girl der Intellektuellen also, das mir bislang entgangen war. Nun hat Prestatore gestern Miranda Julys hochgelobte Short Stories „Zehn Wahrheiten“ mitgebracht und nach einem Nachmittag mit ihnen auf der Couch muss ich verschämt gestehen: Die sind aber verdammt gut. Mit Sätzen, die so neidisch machen, dass man einen Moment lang nicht weiter lesen kann, um das zu verkraften.

„Ich warf meinen Staub aus, die pulversisierenden Rückstände all der Dinge, die ich durch meinen Zweifel kaputt gemacht hatte.“

„Ich war nie sehr gesprächig. Manchmal fällt mir etwas zu sagen ein, und dann frage ich mich: Ist es das wert? Und die Antwort ist dann: nein.“

„Dann setzte die Euphorie ein, ein warmer Wind von Hawaii, der unsere Tränen trocknete und den Weg zurück in die physische Welt frei machte.“

„Mathelehrer erklären, Mathe sei einfach eine komische Art „ich liebe dich“ zu sagen.“

Um ausnahmsweise mal Elke Heidenreich zu zitieren: L.E.S.E.N.!!

Soeben eingetroffen: eine von Yohanans Zeichnungen aus Jerusalem. „She’s behaving well“ he says. 

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Thanks to Yohanan Lakicevic

Dass Modedesigner sich von der Natur inspirieren lassen ist an sich keine kreative Höchstleistung. Der erste Steinzeitmensch, der sich ein Bärenfell umhing, hatte die selbe Idee. Die nordamerikanischen Indianer imitierten die wilden Truthähne ihrer Heimat und versuchten den Feind mit furchterregendem Federschmuck in die Flucht zu schlagen. Mit mäßigem Erfolg, wie man weiß. Die wenigen verbliebenen afrikanischen Stämme, die nicht auf T-Shirt und Jeans umgestiegen sind, bemalen sich für ihre Partys gerne mit Löwen-, Tiger- oder Panthermustern. Ganz zu schweigen von den Fatigues, den Tarnfarben der Militärs, die je nach landschaftlichem Hintergrund vom grün-gelblichen (Dschungel) bis zum bräunlich-rötlichen (Wüste) variieren. Die Natur in der Mode war schon Thema für viele fette Fotobände und jede Wette, dass es bald einen neuen geben wird - mit den beiden US-Bloggerinnen von Trendinista als Herausgeberinnen.

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In ihrem Blog (und seit kurzem auch in dem E-Zine Coutorture) gehen sie umgekehrt an die Sache ran und suchen zu den fertigen Designs passende Analogien. Die Winter-Kollektion des Londoners Giles Deacon vergleichen sie zum Beispiel mit Insekten und lenken damit den Blick auf die Schönheit von Motten, Wanzen oder Raupen. Aber sie beschränken sich nicht nur auf Naturmotive, sondern werden zum Beispiel auch in der modernen Architektur oder beim Eiskunstlauf fündig. Eine witzige Idee, mit garantierter Erleuchtung: Ah, so kann man das auch sehen.

Und weil sie so gut zum Thema passt - hier noch eine weitere Kurzgeschichte