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love11

Gerade ist hierzulande Vanity Fair hops gegangen, aber das heißt ja nicht, dass Condè Nast die Geschäfte aufgibt. In Großbritannien hat der Verlag heute ein neues fettes Lifestylemagazin gestartet. Mit einem ebensolchen Cover.
Beth Ditto erinnert an ein anderes Dickerchen, das schon mal mal berühmt war – die kniende Nackte am Strand, unterm Sonnenschirm. Wann war das, in den 70ern oder 80ern? Jedenfalls zu einer Zeit, als ein paar Kilo zuviel auf den Hüften eine Frau nicht für den Rest ihres Lebens in Depressionen stürzten.
In der Mode hängt angeblich die Saumlänge mit der Konjunktur zusammen, wie die Kurve auf der Anzeigentafel der Börse. Je besser die Zeiten, desto kürzer die Röcke, heißt es. Da liegt ein Umkehrschluss nahe. Je schlechter die Zeiten, desto runder die Mädchen.
Übrigens ist Chefredakteurin
Katie Grand das wahrscheinlich größte Talente, das momentan im Frauenzeitschriftenmarkt zugange ist. Es könnte gut sein, dass Condè Nast mit ihr Anna Wintours Nachfolgerin aufbaut.

Frauen interessieren sich für Mode, für Menschen (nicht nur für Männer) und wollen insgesamt optimal gut ausschauen. Alles Gründe warum Frauen Frauenzeitschriften lesen, beim Arzt, beim Friseur, im Zug im Bett. Und das wird immer so bleiben, dachte ich bis heute morgen. Mag sein, dass manche Magazine die Medienkrise nicht überleben, weil nicht mehr genug Anzeigen geschaltet werden, um die teure Produktion der schönen Bilder zu finanzieren. Aber es werden sich noch mehr als genug halten – auch das dachte ich bis heute morgen. Inzwischen bin ich mir auch da nicht mehr so sicher.

It seems that one day cosmetics companies will perhaps start beefing up their own Web sites — with makeup videos and click-to-buy options — just as kraftfoods.com has done with its hugely trafficked recipe site and walmart.com has done with its popular blogs by mothers. When advertisers become content providers, magazines lose ads and finally drop off newsstands.

schreibt Virginia Heffernan in einem Artikel in der New York Times.

In den USA krachen gerade riesige Medienunternehmen zusammen, an die Zukunft von gedruckten Zeitungen glaubt dort kaum noch jemand, aber merkwürdigerweise werden in den vielen Debatten und Artikeln Zeitschriften kaum erwähnt. Und Frauenzeitschriften erst recht nicht. Sie sind genauso bedroht wie alle anderen Printprodukte glaubt Virginia Heffernan und sieht nur eine Möglichkeit: den Wandel zu akzeptieren. Meine Damen in den Redaktionen, ziehen sie sich warm an. Es wird ungemütlich – aber spannend.

christa

Christa Geissler habe ich vor fast 20 Jahren kennengelernt. Sie stellte mich als Kulturredakteurin bei „Cosmopolitan“ ein und ließ mich machen. Nichts konnte sie schockieren. Sechs Wochen nachdem mein Kind auf der Welt war, schickte sie mich auf Reportage nach Budapest – inklusive Mann und Baby. Meinen Überlegungen, als Autorin nach London zu gehen, hörte sie zu und riet mir dann davon ab. „Jede Redaktion kann schnell mal einen Redakteur nach England jagen, da kriegst du keine Aufträge. Aber wenn du in die USA gehst, egal wohin, dann helfe ich dir.“ So zog ich nach New York, mit Kind, Mann und einem Autorenvertrag von Cosmopolitan. Der wurde erst von ihrer Nachfolgerin als Chefredakteurin von Cosmo gekündigt.

Christa hat schon früh gesehen, dass Frauen Seilschaften bauen müssen wie Männer – und sie war die erste im Seil. Die jenige, die die Haken in die Wand schlägt und das Seil einknipst, an dem die anderen hochklettern können. Aber sie hat auch gesehen, dass wir alle nicht an den 8000ern kletterten. „Solange niemand versucht, uns zu bestechen, haben wir keine Macht“, sagte sie.

Sie war Feministin, befreundet mit Alice Scharzer und Jutta Dithfurt, aber sie wusste auch, dass kein Verleger einer Emanze (so hieß das damals) sein Blatt anvertrauen würde. Also ließ sie sich die Haare vom Starfriseur stylen (und nahm ihn selbstverständlich in ihren Freundeskreis auf) und trug ihre schwarzen Klamotten mit der selben Arroganz wie ihre Kolleginnen. „Ist doch schick die Jacke“, sagte sie. „Rate, wo ich sie her habe.“ „Prada?“ „Bist du verrückt. Woolworth, 35 Euro.“ Aber ich schwöre, sie sah nach Prada aus.
Sie war eine hinterlistige Feministin. „Männer muss man manipulieren“, war ihr Credo – und sie tat es. Verleger, Geschäftsführer, Anzeigenleiter, Art Directoren und manchmal einem der seltenen Redakteure in einer Frauenzeitschrift wickelte sie mit leiser Stimme und eleganter Unverschämtheit um den Finger. Die durchschauten vielleicht manchmal ihr Spiel, gaben ihr aber trotzdem immer das, was sie haben wollte. Mehr Geld vor allem, das sie prompt, in Form von Honoraren und Gehältern, weiter reichte an andere Frauen. Zu ihrer Zeit bei Cosmo gab es acht(!) freie Autorinnen mit Pauschalverträgen, von denen sie gut leben konnten. Und das bei einer Monatszeitschrift und nicht dem Spiegel.
Als Christa pensioniert war, lud sie in unregelmäßigen Abständen zum Salon in ihre Wohnung. Es gab trockenes Brot, Wein und Wasser und jeder Versuch, sie vielleicht zu einem Dip zum Brot zu überreden, schlug fehl. Höchstens Weihnachtsplätzchen durfte man mit bringen. Es ging ihr um interessante Gespräche, um geistige Nahrung, wer den Glamour darin nicht erkannte, war bei ihr an der falschen Adresse. Das war ihr Stil, den zog sie durch.
Ihr Stil war es auch, ihren Freundinnen zu helfen, mit Geld, Beziehungen, Kontakten, und wenn jemand ein Auto brauchte, auch mit ihrem alten Golf. Sie gab Ratschläge, lektorierte Texte und hörte zu. Man konnte Probleme mit ihr besprechen. Ihre eigenen verschwieg sie. Wir wunderten uns in letzter Zeit, dass sie immer magerer wurde, aber nach den Gründen fragte niemand und die verriet sie uns auch nicht.
Sie wusste schon länger, dass sie Krebs hatte. Gestern in Christa Geissler gestorben. Am Ende doch schnell und alleine, aber klar und mit sich im Reinen, so wie es ihr Stil war.

„So, so,“ sagte ein furchtbar wichtiger Manager eines schrecklich bedeutenden Verlages zu mir. „Sie schreiben also ein Blog. Können Sie mir mal verraten, warum sie das tun.“
„Och, so aus Spaß“, sagte ich. „Für eine Journalistin, die in Zeitschriften ihr Geld verdient, ist es ein Traum, schreiben zu dürfen, was sie will. Keiner meckert, und noch wichtiger, keiner fummelt in meinen Texten rum.“
„Aber wieviele Leute lesen das denn?“ Neben seinen vielen anderen Aktivitäten leitet er auch die Internetabteilung seines Unternehmens. Mit Zahlen kennt er sich.
„Na ja“, sagte ich mit stolz geschwellter Brust, „my best day ever waren 328 Zugriffe.“ Dabei verschwieg ich, dass in Zeiten akuter Faulheit wie in den letzten Wochen, die Besucherkurve steil nach unten geht.
Er brauchte ein paar Sekunden, um den Schock zu verdauen. „328 Zugriffe“, wiederholte er vorsichtig und sah mich mit leerem Blick an. Wahrscheinlich rollten vor seinem inneren Auge gerade die Millionenzahlen der verlagseigenen Webseiten ab. „Äh, was tun Sie denn um mehr Besucher auf Ihre Seite zu kriegen?“
„Nichts“, sagte ich. „Ist mir egal.“
„Kennen Sie Googleoptimierungsmöglichkeiten?“
„Kenne ich.“
„Und, wenden Sie die auch an?“
„Nö, ist ja nur mein privates Blog“, sagte ich.
„Haben Sie schon mal überlegt, mit Ihrem Blog Geld zu verdienen.“
„Nö“, sagte ich.
„Affiliateprogramme und so“, schlug er vor.
„Interessiert mich nicht“, sagte ich.
„Aber Sie müssen doch einen Grund haben ein Blog zu schreiben.“
„Spaß“, erinnerte ich ihn.
Sein Blick glitt nun endgültig ins Leere. Als würde er im Kopf mal schnell alle Möglichkeiten prüfen, wie er diese gefährliche Terroristin aus dem Verlagsgebäude entfernen lassen könnte. Gottseidank rettete ihn die Sekretärin. Sie erinnerte ihn daran, dass unten das Taxi wartete, das ihn zum Flughafen bringen sollte.
Er nahm sein Sakko und ging, ohne sich zu verabschieden.

Ach, wie süß: der Spiegel zieht in der aktuellen Ausgabe (und Online) über Blogger her. Die Blogospäre regt sich wahnsinnig auf. Alle verlinken sich entrüstet hin und her. Die Clickzahlen steigen auf beiden Seiten und alle kommen sich wahnsinnig wichtig vor. (Jetzt könnte ich die Links dazu hier auch einbauen und damit mehr Leute auf meine Seite ziehen, ist mir aber wurscht, weil sowas von Gähn.)

Blogger sind der Meinung, das Internet wird Print über kurz oder lang töten und da ist was dran. Eigentlich keine üble Vorstellung. Um täglich News an den Leser zu bringen, müssen keine Bäume gefällt, kein bedrucktes Papier produziert und auch nicht mehr in stinkenden Lastern durch die Gegend gekarrt werden. Da die ganze teure Logistik entfällt, braucht es auch keine Verlage mehr, um die Infrastruktur zu organisieren. Das dämmert Springer, Holzbrinck, Burda und Co. gerade. Es macht sich Panik breit, weil keiner weiß, wo die Reise enden wird. Aber alle geben wahnsinnig viel Geld aus, um noch schnell auf den Begräbniszug aufzuspringen. Es werden Unsummen im Internet investiert, die Schreiber spart man ein. In den USA wurden schon tausende von Journalisten arbeitslos, dafür hoffen die Verlage jetzt auf user generated content. Was bedeutet: Verlagsmanager träumen davon, dass Leser so blöd sind, für lau ein noch schöneres Anzeigenumfeld zu liefern als teure Autoren. Sie starten im Internet immer neue Versuche, dieses Erfolgsmodell durchzusetzen. Natürlich vergeblich. Aber die Kosten müssen die Printredaktionen mit Sparmaßnahmen wieder ausgleichen. Die Konsequenz: die Qualität im Print sinkt, die Leser springen noch schneller ab, die Anzeigen bleiben aus und schuld an allem ist das Internet.

Bei Tageszeitungen sieht es am schlimmsten aus. Die wird es bald nicht mehr geben. Als alte Zeitschriftenfrau, die schöne Bilder mag und nicht zuviel Worte, sehe ich die Lage für mein Metier optimistischer.

Die Internetseite, die es schafft, halbwegs brauchbare Optik zu produzieren wie hier die nicht weiter erwähnenswerte Modezeitschrift Madame in einer ganz alltägliche Fotostrecke, die muss erst noch erfunden werden. Als Zeitungsverlagserbe würde ich die geerbte Klitsche schnell verscherbeln, bevor sie nichts mehr wert ist. Als Zeitschriftenverlagserbe würde ich gepflegt abwarten, bis alle pleite sind und dann (fast) mein ganzes Geld einsetzen, um die besten Fotografen, Autoren und Grafiker zu engagieren und ein erstklassiges Blatt machen. Sollte das Ding dann keine Liebhaber finden und den Bach runter gehen, dann wenigstens mit Würde und Anstand.

Seit beginn dieser Fußballeuropameisterschaft schaue ich mit Neid in Reskis Republik. Dank der täglichen Weissagungen ihres italienischen Orakels und einer googleaffinen Berichterstattung strömen die Massen in ihre Gassen. Während der Stylebus so dahinholpert. Zur Zeit interessiert die Clicker nichts anderes als die EM 2008. Nicht mal halterlose Strümpfe oder Votzensport von Lady Bitch Ray.
Was mich auf die Idee brachte, auch einen suchmaschinenoptimierten Post zu verfassen. (Falls das Wort suchmaschinenoptimiert Printjournalisten nicht geläufig sein sollte: Es handelt sich dabei um die Kunst, Onlinetexte mit wichtigen Schlagworten vollzustopfen, damit sie von Google erfasst und möglichst ganz nach oben in die Liste der Suchergebnisse geschickt werden. Weil: Je weiter oben ein Beitrag erscheint, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Clicker auf deine Seite wandert. Und da Clicks die Internatauflage oder Interneteinschaltquote sind, versucht jeder, der sich wichtig fühlt oder mit Anzeigen Geld verdienen will, Clicks herbeizutricksen. Ohne jetzt weiter in das weite Feld der Clickgenerierung einzusteigen, nur noch so viel: Der wichtigste Leser eines Onlinetextes ist erst einmal die Suchmaschine von Google. Gewitzte Onlineschreiber richten ihre Texte also an den Bedürfnissen eines Computers aus. Womit der alten journalistischen Grundsatz „Immer an den Leser denken“ im Internetzeitalter von der Variante „Immer an Google denken.“ abgelöst wird.)

Aber wo war ich stehen geblieben?

Ach ja, bei dem Vorsatz einen suchmaschinenoptimalen Post zu verfassen. Dafür kombiniere ich jetzt mal versuchsweise ein äußerst erfolgreiches Schlagwort meines Blogs – Merkel – mit einem im Moment höchst populären Suchwort: Fußball.


Fotos: Spiegel online

Fußballfans haben dieses Spiel natürlich längst abgehakt. (Ganz schlecht für die Clicks.) Ohne hier weiter in Wunden zu stochern, war dieses Treffen doch in einer Hinsicht bemerkenswert: wie geschickt sich die Kanzlerin mal wieder in Szene gesetzt hat. Okay, der curryfarbene Blazer hing an ihr, als hätte er sich schon einen ganzen Tag in Sitzungen gelangweilt, außerdem stand ihr die Farbe nicht optimal. Frisch vom Friseur kam sie auch und wahrscheinlich hatte sie ihm befohlen: Runter damit, ich will nicht alle vier Wochen zum nachschneiden kommen. Die Haare waren zu kurz. Ihr vom vielen Ärger mit der SPD deutlich gerundeten Schreibtischbuckel hätte meine Oma früher mit „Haltung, Mädchen“ kommentiert. Aber sonst machte sie alles richtig. Wechselte mit jedem anwesenden Wichtigmann ein paar Worte (gute Fotogelegenheiten). Demonstrierte Interesse, lächelte in den richtigen Momenten und ließ sich sogar von Theo Zwanziger abbusseln. Im Gespräch mit Kerner (oder war es Beckmann) kokettierte sie mit ihrem fußballerischen Laientum, um dann Lahm zu loben, weil er so fleißig war. Was Botoxdiva Netzer dazu veranlasste, ihr erstaunliches Fachwissen zu bescheinigen.
Mutig diese Frau Merkel. Wagt sich ins Testosteronland und macht alles richtig. Respekt.

PS: Über den Clickerfolg dieses Post informiere ich demnächst. Nur eine kleine Zusatzinfo für Suchmaschinenoptimierungstüftler: der mit weitem Abstand erfolgreichste Post meines Blogs ist der hier. Und das erstaunt mich dann doch.

Charlotte Roche nähert sich mit den „Feuchtgebieten“ dem 1millionsten verkauften Exemplar. Sie wird gerade reich damit. Und immer noch ist in den vielen Feuilletonartikeln über sie die Ratlosigkeit zu spüren, bei der Suche nach den Gründen dieses Erfolgs. In einer lesenswerten Zeitreportage über das deutsche Romanwunder wird eine 24jährige Cynthia zitiert: „Charlotte hat ein Bild unserer Generation gezeigt, wie sie sein könnte, wenn der Schönheitswahn uns nicht so unfrei gemacht hätte.“ Genau das ist es. Charlotte Roche spricht der riesigen Mehrheit der Frauen aus der Seele, die es nie wagen würden, sich den kritischen Augen einer Heidi Klum auszuliefern – sich aber total von ihr verunsichern lässt. Und dafür, dass Roche sich nicht den Schneid abkaufen lässt und stellvertretend für alle eine klare Gegenmeinung ausdrückt, darf sie mindestens genauso reich werden wie Klum.

Auch meine kritische Begutachtung von Claudia Roth (im Post davor) geschah eher in der Klumschen als in der Tradition von Charlotte Roche.
„Aber, aber, meine Liebe“, schrieb daraufhin L. in einer Mail, „warum so kritisch mit der Roth? Ich sehe vor allem ein strahlendes Wesen und ganz schöne Beine und finde die Würste
halb so wild. Und der Satz stimmt überhaupt nicht:
Vertraue nie den Komplimenten von anderen Frauen.
Du hast nur ein paar falsche Freundinnen.“

So kann man Pölsterchen auch sehen. Und das ist sicherlich die sympathischere Einstellung.

Was Komplimente von Frauen angeht, bleibe ich allerdings dabei: Vorsicht damit. Erst recht, wenn die Komplimente von Mitarbeiterinnen eines Klatschblatts kommen, die auf besonders herzlich machen. Verwechsle Schleimerinnen nie mit Freundinnen – also mit Frauen, denen man aus Erfahrung vertrauen darf. Die müssen dafür nicht unbedingt immer freundlich sein.

In Bayern gibt es tatsächlich noch Orte ohne Internetzugang, die guten alten Printmedien dringen aber locker in solche antidigitalen Oasen vor. So erfuhr ich ganz altmodisch beim Lesen in der Zeit, dass der hochgeschätzte Kollege Harald Martenstein sich als Autotester profiliert. Das ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Erstens weil mein erstes selbst gekauftes Auto (d.h. nicht von Paps geschenkt, sondern mit selbstverdientem Geld abgestottert) ein gebrauchter Alfa Romeo Spider war. Er kostete das schier unfassbare Vermögen von 14tausend Mark und war leider hellblau, was ihn noch teurer machte, weil er auf rot umgespritzt werden musste. Pininfarinarot. Auch als Lippenstift- und Nagellack-Farbe unübertrofffen. Unterm geschlossenen Deck pfiff der Wind und tröpfelte das Wasser. Geriet man mit offenem Cabrio auf der Autobahn in ein Gewitter, musste man rechts ranfahren und unter Aufbietung aller Kräfte versuchen, das Dach zuzuklappen und festzuhaken. Am besten ging das mit einer männlichen Begleitperson. Was einerseits kein Problem war, weil sich alle gerne mitnehmen ließen. Andererseits schon – weil sie alle auch mal ans Lenkrad wollten. Außerdem hatte der Alfa wegen undichter Kabel im Regen die Angewohnheit, urplötzlich stehen zu bleiben. Ohne Rücksicht auf die Verkehrssituation. Wenn der Wagen auf einer dreispurigen Autobahn auf dem mittleren Streifen beleidigt den Geist aufgibt, weil er rechts und links von Lastwagen zugeplatscht wird, braucht man zum Überleben vor allem eines: Glück. Wir hatten es.

Der Alfa wurde verkauft, als das Baby zu groß wurde für die Kiste, in der es auf der Hinterbank festgeschnallt war. Das ist nun fast 18 Jahre her und nie wieder hat ein Auto so viel Spaß gemacht.

Der neue Alfa Romeo Spider 2.4 ist garantiert viel sicherer als mein 2.0er von ca. 1980. Sitzheizung und elektronisches Verdeck hat er natürlich auch. Das Grundmodell kostet neu fast 40000 Euro, ist also auch gebraucht wohl kaum vom ersten selbstverdienten Geld zu finanzieren. Außerdem sieht der Spider inzwischen aus wie eine Bulldogge. Kantig, sperrig, furchteinflößend. Für immer dahin, die elegante Leichtigkeit im Automobilverkehr.

Beim Lachen über Harald Martensteins Hymne auf den Alfa Spider, wurde mir außerdem klar: Auch der Autojournalismus hat sich verändert.

Als Mitarbeiterin von Frauenzeitschriften wird man immer mal wieder zu Events eingeladen, deren Zweck das Rumfahren von neuen Autos ist und Test genannt wird. In der Regel eine sehr angenehme Aufgabe, weil man zwei Tage in einem nagelneuen, schicken Gefährt in angenehmen, sonnigen Gegenden mit guten Straßen (Mallorca, Norditalien, Griechenland, Kanarische Inseln etc.) unterwegs ist, in erstklassigen Restaurants verpflegt und in luxuriösen Hotels untergebracht wird. Frauen sind in der Minderzahl. Die testenden Männer verfassen dann später lange komplizierte Artikel, durchsetzt mit Wörtern wie Differentialgetriebe oder Einspritzmotor und mit spürbarere Bewunderung für das Innenleben der neuen technischen Wunderwerke. Frauen schreiben eher über das geile Gefühl, das sich kurz hinter dem Lago Maggiore einstellt, wenn man im offenen Cabrio Serpentinen hochbrettert oder über das Glitzern in den Augen der Männer, wenn man mit einem Jaguar neben ihnen an einer roten Ampel hält. Wegen dieser besonderen Art der Sachkenntnis gelten Abgesandte von Frauenzeitschriften bei den Organisatoren der Events als Lifestyletussis.

Erstaunlicherweise orientiert sich ausgerechnet die seriöse Zeit bei den Autotests an den Vorbildern aus Elle oder Vogue und lässt die Artikel ebenfalls von Autoren verfassen, denen keinerlei Grundkenntnisse in Ingenieurwissenschaften den Spaß trübt. Das liest sich meistens viel amüsanter als alle engagierten Testberichte und beweist: Der alte Markwort-Spruch „Fakten, Fakten, Fakten“ hat auch im Autojournalismus endgültig ausgedient. Heutzutage sind Edelfedern wie Harald Martenstein die wahren Lifestyletussis.

Hannah Montana ist eine irrsinnig erfolgreiche Tennie-Serie in den USA, die von einem 13jährigen Mädchen handelt, das ein Doppelleben führt: tagsüber brave, brünette Schülerin, abends mit blonder Perücke ein Popstar. Eine der üblichen Disney-Produktionen, einer Filmfirma, die groß wurde, weil sie schon immer clever die Sehnsüchte von Kindern zu bedienen wusste.

Nun hat die 15jährige Hauptdarstellerin Miley Cyrus Ärger. In der Juni-Ausgabe der US-Vanity Fair erschien ein (!) Foto von ihr, das sie nur mit einem Satinlaken bedeckt, in Rückenansicht zeigt. Aufgenommen von Annie Leibowitz


Fotomontage: New York Times

Die US-Elternschaft reagierte empört. Miley, ihre Eltern und Manager, die während des Shootings das Foto noch mochten, ruderten zurück und entschuldigten sich bei den Fans. Schließlich ist ein hunderte Millionen Dollar schwerer Franchising Markt auf die Sympathie der Zuschauerinnen angewiesen. Die Moralapostel aller Lager beschimpfen Chefredakteur und Fotografin, die sich offiziell betroffen zeigen – insgeheim aber einen Freudentanz aufführen dürften. Dass ein harmloses Foto ihr Blatt so grandios in die Schlagzeilen bringt, hätten sie sich wahrscheinlich nicht mal in ihren kühnsten Träumen erhofft.

„I watched about five minutes of the show out of a sick curiousity and I have to say that Hannah Montana just confirms my impression that teenage girls in America are about the biggest idiots in the entire world.“ schrieb ein Kommentator zudiesem Hannah-Montana-Video. Ein Urteil, das so auch auf die Eltern zutrifft. Von den Verantwortlichen bei Vanity Fair kann man das dagegen nicht behaupten. Der Coup ist genial.

Auf Wunsch einer einzelnen Dame hier ein Nachtrag zu den Raucherbildern: Ein Foto von Carine Roitfeld, Stylegöttin, französische Voguechefin und echte Bissgurke. Das Vorbild vieler Modemäuse, die alle mal Chefredakteurin werden wollen, und sich bemühen, genauso dünn, zickig, gnadenlos und überheblich zu sein wie ihr Vorbild. Vielleicht ist sie ja ganz anders, herzlich, höflich, lieb und freundlich – aber das wäre natürlich wesentlich weniger cool.

Angeblich stellt Madame Roitfeld nur gutaussehende Redakteurinnen ein. Und angeblich versteht sie das ganze Getue um It-Bags nicht und steckt Lippenstift und 100 Euroschein einfach in die Hosen- oder Jackentasche. Guter Tipp. Dafür könnte man sie wiederum mögen. (Der müde Mann an ihrer Seite ist übrigens Fabien Baron, berühmt geworden als Grafiker aber inzwischen stylemäßig auf vielen Gebieten unterwegs. Gehört ebenfalls in die Liga angebeteter Geschmacksdiktatoren.).

Frau Reskis Post von heute