You are currently browsing the monthly archive for Dezember 2008.

Allen zirpenden Chanteusen zum Trotz – es gibt sie noch die Rockröhren. Die Kraft, mit der Melissa Etheridge nach ihrer Krebserkrankung (daher die Glatze) und Joss Stone hier den Saal zum Kochen bringt, die wünsche ich allen Freunden im nächsten Jahr. Keep on rockin‘ friends!

knoten21

Auf diesem Foto ist Jan Josef Liefers Privatmensch. Beruflich agiert er auch als Tatort-Pathologe in Münster. Sein Kostümbildner käme hoffentlich nie auf die selbe Idee, wie der Kostümbildner des Frankfurter Tatorts gestern Abend. Der band nicht nur Frau Sawatzki sondern auch allen anderen, die in die hessische Kälte raus mussten, den Schal mit einem sogenannten Galgenknoten um den Hals (siehe Herr Liefers oben). Als ob die Menschheit im Laufe der Geschichte nur eine Stylingvariante für Bronchienschutz entwickelt hätte. Oder schmuggelte der Kostümbildner vielleicht ein satirisches Abbild der Wirklichkeit in den Sonntagabend-Krimi?

Sieht man sich auf der Straße um, hat der Galgenknoten inzwischen die Alleinherrschaft übernommen. 99 Prozent aller Schalträger binden sich auf diese Art und Weise einen Wulst auf die Brust. Ist das jetzt elegant oder was? Ich jedenfalls bleibe stur: Ich wickele seit meiner Kindheit den Schal zweimal um den Hals und knote ihn einmal locker. Sieht viel lässiger aus und geht inzwischen schon wieder als Avantgarde durch.

La Reski leidet unter Acqua alta und darunter, dass es in Venedig trotz jahrhundertelanger Tradition an Hochwasser keine schicken Gummistiefel gibt. Zu bunten Kniestrümpfen, die über den Stiefelrand rausgucken oder blümchengemusterten Strickstrümpfen sind sie in München dagegen im Moment schwer angesagt. Keine Ahnung wieso, da die Stadt weder unter Isarüberflutungen noch unter Schlammlawinen zu leiden hat. Es könnte aber sein, dass dies die ersten Anzeichen von Recession-Chic sind, der nun auch bis in die von der BLB-Krise schwer gebeutelten bayerische Landeshauptstadt vordringt. Jeder Laden, der was auf sich hält, hat die wasserdichten Treter im Angebot. In Italien muss das Internet aushelfen. Aber egal ob Venedig oder München – auch in Sachen Gummistiefel bleibt die Frage: Welches Label darf es denn sein?

boots1

Diese beiden Modelle verbieten sich in Zeiten der neuen Bescheidenheit eigentlich von selbst. Das linke ist von Celine und kostet ca. 300 Euro, das rechte von Burberry ca. 500 Euro.
Am anderen Ende der Skala gibt es in diversen Stiefelshops die Chinaware, in bunt gemustert (Pünktchen, Blümchen, Käferchen) oder einfarbig, billig (ab 15 Euro) aber wegen ökologischer und humaner Bedenklichkeiten stehen sie ebenfalls auf der Giftliste.
Bleibt nur die Besinnung auf den Klassiker.

Kate Moss hat 2005 mit ihrem Auftritt beim Glastonbury Festival die Hunter Rubber Boots in stylishen Kreisen salonfähig gemacht. Berühmt waren sie schon vorher. Die Queen stapft in ihren Wellies seit Urzeiten durch ihre Latifundien. Natürlich im Modell Balmoral Classic in einem dezenten Olivgrün mit dem auch Kate Moss auf dem Foto dem Schlamm trotzt. Temperamentvollere Gemüter – wozu auch Frau Reski zählt – könnten deprimierende Regentage mit kräftigeren Farben aufhellen. z.B. Rot, Iris, Fuchsia, Limegreen oder Pink. Da wird so ein Hochwasser doch gleich erträglicher.
boots5boots7boots8

Frauen interessieren sich für Mode, für Menschen (nicht nur für Männer) und wollen insgesamt optimal gut ausschauen. Alles Gründe warum Frauen Frauenzeitschriften lesen, beim Arzt, beim Friseur, im Zug im Bett. Und das wird immer so bleiben, dachte ich bis heute morgen. Mag sein, dass manche Magazine die Medienkrise nicht überleben, weil nicht mehr genug Anzeigen geschaltet werden, um die teure Produktion der schönen Bilder zu finanzieren. Aber es werden sich noch mehr als genug halten – auch das dachte ich bis heute morgen. Inzwischen bin ich mir auch da nicht mehr so sicher.

It seems that one day cosmetics companies will perhaps start beefing up their own Web sites — with makeup videos and click-to-buy options — just as kraftfoods.com has done with its hugely trafficked recipe site and walmart.com has done with its popular blogs by mothers. When advertisers become content providers, magazines lose ads and finally drop off newsstands.

schreibt Virginia Heffernan in einem Artikel in der New York Times.

In den USA krachen gerade riesige Medienunternehmen zusammen, an die Zukunft von gedruckten Zeitungen glaubt dort kaum noch jemand, aber merkwürdigerweise werden in den vielen Debatten und Artikeln Zeitschriften kaum erwähnt. Und Frauenzeitschriften erst recht nicht. Sie sind genauso bedroht wie alle anderen Printprodukte glaubt Virginia Heffernan und sieht nur eine Möglichkeit: den Wandel zu akzeptieren. Meine Damen in den Redaktionen, ziehen sie sich warm an. Es wird ungemütlich – aber spannend.

christa

Christa Geissler habe ich vor fast 20 Jahren kennengelernt. Sie stellte mich als Kulturredakteurin bei „Cosmopolitan“ ein und ließ mich machen. Nichts konnte sie schockieren. Sechs Wochen nachdem mein Kind auf der Welt war, schickte sie mich auf Reportage nach Budapest – inklusive Mann und Baby. Meinen Überlegungen, als Autorin nach London zu gehen, hörte sie zu und riet mir dann davon ab. „Jede Redaktion kann schnell mal einen Redakteur nach England jagen, da kriegst du keine Aufträge. Aber wenn du in die USA gehst, egal wohin, dann helfe ich dir.“ So zog ich nach New York, mit Kind, Mann und einem Autorenvertrag von Cosmopolitan. Der wurde erst von ihrer Nachfolgerin als Chefredakteurin von Cosmo gekündigt.

Christa hat schon früh gesehen, dass Frauen Seilschaften bauen müssen wie Männer – und sie war die erste im Seil. Die jenige, die die Haken in die Wand schlägt und das Seil einknipst, an dem die anderen hochklettern können. Aber sie hat auch gesehen, dass wir alle nicht an den 8000ern kletterten. „Solange niemand versucht, uns zu bestechen, haben wir keine Macht“, sagte sie.

Sie war Feministin, befreundet mit Alice Scharzer und Jutta Dithfurt, aber sie wusste auch, dass kein Verleger einer Emanze (so hieß das damals) sein Blatt anvertrauen würde. Also ließ sie sich die Haare vom Starfriseur stylen (und nahm ihn selbstverständlich in ihren Freundeskreis auf) und trug ihre schwarzen Klamotten mit der selben Arroganz wie ihre Kolleginnen. „Ist doch schick die Jacke“, sagte sie. „Rate, wo ich sie her habe.“ „Prada?“ „Bist du verrückt. Woolworth, 35 Euro.“ Aber ich schwöre, sie sah nach Prada aus.
Sie war eine hinterlistige Feministin. „Männer muss man manipulieren“, war ihr Credo – und sie tat es. Verleger, Geschäftsführer, Anzeigenleiter, Art Directoren und manchmal einem der seltenen Redakteure in einer Frauenzeitschrift wickelte sie mit leiser Stimme und eleganter Unverschämtheit um den Finger. Die durchschauten vielleicht manchmal ihr Spiel, gaben ihr aber trotzdem immer das, was sie haben wollte. Mehr Geld vor allem, das sie prompt, in Form von Honoraren und Gehältern, weiter reichte an andere Frauen. Zu ihrer Zeit bei Cosmo gab es acht(!) freie Autorinnen mit Pauschalverträgen, von denen sie gut leben konnten. Und das bei einer Monatszeitschrift und nicht dem Spiegel.
Als Christa pensioniert war, lud sie in unregelmäßigen Abständen zum Salon in ihre Wohnung. Es gab trockenes Brot, Wein und Wasser und jeder Versuch, sie vielleicht zu einem Dip zum Brot zu überreden, schlug fehl. Höchstens Weihnachtsplätzchen durfte man mit bringen. Es ging ihr um interessante Gespräche, um geistige Nahrung, wer den Glamour darin nicht erkannte, war bei ihr an der falschen Adresse. Das war ihr Stil, den zog sie durch.
Ihr Stil war es auch, ihren Freundinnen zu helfen, mit Geld, Beziehungen, Kontakten, und wenn jemand ein Auto brauchte, auch mit ihrem alten Golf. Sie gab Ratschläge, lektorierte Texte und hörte zu. Man konnte Probleme mit ihr besprechen. Ihre eigenen verschwieg sie. Wir wunderten uns in letzter Zeit, dass sie immer magerer wurde, aber nach den Gründen fragte niemand und die verriet sie uns auch nicht.
Sie wusste schon länger, dass sie Krebs hatte. Gestern in Christa Geissler gestorben. Am Ende doch schnell und alleine, aber klar und mit sich im Reinen, so wie es ihr Stil war.