La Reski hat mir ein Buch geschenkt – und dazu einen plissierten Seidenschal in einem klaren fjordfarbenen Türkis.
Da Frau Reski bekanntermaßen in Venedig lebt, hat ihr Geschenk einen kommunalen kulturhistorischen Bezug. Der Schal stammt von dem venezianischen Label Venetia Studium, dessen Läden auf der mit Kitsch vollgestopften Touristenrennstrecke zwischen Markusplatz und Rialtobrücke durch exquisite Waren und liebevolle Schaufenstergestaltung Italiens Ruf als Stylehochburg retten helfen. Das Buch ist eine Biographie über Mariano Fortuny, der etwa zwischen 1915 und 1940 die reichen Touristinnen in Venedig mit Kleidern, Schals und Tüchern ausstattete und unter Modekennern einen ähnlich legendären Ruf genießt wie Christian Dior oder Coco Chanel.

Fortuny war Spanier, stammte aus einer Künstlerfamilie und lebte imagefördernd in einem Palazzo. Mit seiner Frau entwickelte er einzigartige Methoden, Seide zu färben und plissieren und Samt mit mit orientalischen Mustern zu bedrucken. In einer Zeit, in der Frauen sich noch in Korsetts schnürten, schneiderte er aus seinen Pliseestoffen einfache, lockere Tunikakleider, die er nach den griechischen Statuen benannte, die ihn inspiriert hatten: „Delphos“.

Auf dem auch schon nicht mehr ganz taufrischen Foto trägt Lauren Hutton ein „Delphos“ aus den frühen 30ern mit passendem Samtumhang. Sehr schön zu erkennen und typisch für ein Fortunykleid: der wunderbare Schimmer des Seidenplisees und die mit alten venezianischen Glasperlen eingefassten Säume. Ursprünglich war ein „Delphos“ als „Teekleid“ gedacht, weil man es für zu simpel hielt, um damit auf die Straße zu gehen. Aber reiche amerikanische Socialites, britische Gräfinnen und Hollywoodstars entdeckten schnell, wie sexy sie in den figurumschmeichelnden Hüllen wirkten und machten die Fortuny-Kreationen als Abendkleider High-Society-fähig.

Fortuny führte das glückliche Leben eines Darlings reicher Damen. Er verstand sich nie als Modeschöpfer, sondern als Künstler und Erfinder, der schöne Stoffe herstellen wollte, sich aber für die gerade herrschenden Trends nicht interessierte. So konnte ihm auch keine Kollektion floppen. Jedes seiner Kleider war ein Unikat, immer auf der Basis des Delphos. 30 Jahre fast unverändert. Nach seinem Tod verkauften seine Erben zwar Lizenzen für den Namen Fortuny, aber da es keine genauen Aufzeichnungen über seine Färbe-und Plissierungsmethode gab, blieb die Qualität der Fortuny-Seide lang unerreicht.

Wer heute mit einem Delphos liebäugelt, hat zwei Möglichkeiten: mit Glück und dem nötigen Kleingeld (um 10 000 Euro) kann man ab und zu in Luxus-Vintage-Auktionen noch ein Original ersteigern. Oder man lässt sich bei Venetia Studium ein Kleid im Stile Fortunys maßschneidern. Lino Lando, der Besitzer der Manufaktur (und, jetzt muß es mal gesagt werden: ein lieber Freund der Familie) hat jahrelang experimentiert, bis er Fortunys Geheimnisse auf die Spur kam. Seine Stoffe, die er auch zu Schals, Tücher, Taschen und Kissen verarbeitet, haben den gleichen, morbiden Charme wie die Originale. Außerdem im Programm: asiatisch inspirierte Lampen nach den Designs von Fortuny. Auch wenn man mir jetzt vorwerfen kann, nicht ganz unparteiisch zu sein, bleibe ich doch bei meiner Meinung: Für Modefans die schönsten Souvenirs, die Venedig zu bieten hat.

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