In Bayern gibt es tatsächlich noch Orte ohne Internetzugang, die guten alten Printmedien dringen aber locker in solche antidigitalen Oasen vor. So erfuhr ich ganz altmodisch beim Lesen in der Zeit, dass der hochgeschätzte Kollege Harald Martenstein sich als Autotester profiliert. Das ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Erstens weil mein erstes selbst gekauftes Auto (d.h. nicht von Paps geschenkt, sondern mit selbstverdientem Geld abgestottert) ein gebrauchter Alfa Romeo Spider war. Er kostete das schier unfassbare Vermögen von 14tausend Mark und war leider hellblau, was ihn noch teurer machte, weil er auf rot umgespritzt werden musste. Pininfarinarot. Auch als Lippenstift- und Nagellack-Farbe unübertrofffen. Unterm geschlossenen Deck pfiff der Wind und tröpfelte das Wasser. Geriet man mit offenem Cabrio auf der Autobahn in ein Gewitter, musste man rechts ranfahren und unter Aufbietung aller Kräfte versuchen, das Dach zuzuklappen und festzuhaken. Am besten ging das mit einer männlichen Begleitperson. Was einerseits kein Problem war, weil sich alle gerne mitnehmen ließen. Andererseits schon – weil sie alle auch mal ans Lenkrad wollten. Außerdem hatte der Alfa wegen undichter Kabel im Regen die Angewohnheit, urplötzlich stehen zu bleiben. Ohne Rücksicht auf die Verkehrssituation. Wenn der Wagen auf einer dreispurigen Autobahn auf dem mittleren Streifen beleidigt den Geist aufgibt, weil er rechts und links von Lastwagen zugeplatscht wird, braucht man zum Überleben vor allem eines: Glück. Wir hatten es.

Der Alfa wurde verkauft, als das Baby zu groß wurde für die Kiste, in der es auf der Hinterbank festgeschnallt war. Das ist nun fast 18 Jahre her und nie wieder hat ein Auto so viel Spaß gemacht.

Der neue Alfa Romeo Spider 2.4 ist garantiert viel sicherer als mein 2.0er von ca. 1980. Sitzheizung und elektronisches Verdeck hat er natürlich auch. Das Grundmodell kostet neu fast 40000 Euro, ist also auch gebraucht wohl kaum vom ersten selbstverdienten Geld zu finanzieren. Außerdem sieht der Spider inzwischen aus wie eine Bulldogge. Kantig, sperrig, furchteinflößend. Für immer dahin, die elegante Leichtigkeit im Automobilverkehr.

Beim Lachen über Harald Martensteins Hymne auf den Alfa Spider, wurde mir außerdem klar: Auch der Autojournalismus hat sich verändert.

Als Mitarbeiterin von Frauenzeitschriften wird man immer mal wieder zu Events eingeladen, deren Zweck das Rumfahren von neuen Autos ist und Test genannt wird. In der Regel eine sehr angenehme Aufgabe, weil man zwei Tage in einem nagelneuen, schicken Gefährt in angenehmen, sonnigen Gegenden mit guten Straßen (Mallorca, Norditalien, Griechenland, Kanarische Inseln etc.) unterwegs ist, in erstklassigen Restaurants verpflegt und in luxuriösen Hotels untergebracht wird. Frauen sind in der Minderzahl. Die testenden Männer verfassen dann später lange komplizierte Artikel, durchsetzt mit Wörtern wie Differentialgetriebe oder Einspritzmotor und mit spürbarere Bewunderung für das Innenleben der neuen technischen Wunderwerke. Frauen schreiben eher über das geile Gefühl, das sich kurz hinter dem Lago Maggiore einstellt, wenn man im offenen Cabrio Serpentinen hochbrettert oder über das Glitzern in den Augen der Männer, wenn man mit einem Jaguar neben ihnen an einer roten Ampel hält. Wegen dieser besonderen Art der Sachkenntnis gelten Abgesandte von Frauenzeitschriften bei den Organisatoren der Events als Lifestyletussis.

Erstaunlicherweise orientiert sich ausgerechnet die seriöse Zeit bei den Autotests an den Vorbildern aus Elle oder Vogue und lässt die Artikel ebenfalls von Autoren verfassen, denen keinerlei Grundkenntnisse in Ingenieurwissenschaften den Spaß trübt. Das liest sich meistens viel amüsanter als alle engagierten Testberichte und beweist: Der alte Markwort-Spruch „Fakten, Fakten, Fakten“ hat auch im Autojournalismus endgültig ausgedient. Heutzutage sind Edelfedern wie Harald Martenstein die wahren Lifestyletussis.

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