Als von Kurzsichtigkeit betroffenes weibliches Wesen macht man im Leben verschiedene Phasen durch: anfängliches Entsetzen (etwa im Alter von zehn) über das ungewohnte Ungetüm auf der Nase weicht in der Pubertät dem verzweifelten Suchen nach attraktiven Ersatzlösungen. Teenager experimentieren mit Kontaktlinsen, die teuer sind, tränende und rote Augen verursachen und auch mal verloren gehen. Was endgültig das Budget übersteigt und die Phase auslöst, in der minus 5-Diophtrien ganz ohne Sehhilfen klar kommen müssen. Eine außergewöhnliche Belastung für jede Art von sozialen Kontakten, weil Halbblinde enthusiastisch völlig Fremde begrüßen, dafür alte Freunde übersehen. Irgendwann ist dann die Zeit gekommen, sich in sein Schicksal zu ergeben und tapfer Brille zu tragen. Leider selten ein Kick fürs Selbstvertrauen.

Seit ein, zwei Jahren gibt es nun eine erfreulichere Alternative. Brillen sind als modisches Accessoire akzeptiert. Lange verbesserten Designer höchstens ihre Einnahmen mit der Vergabe von Lizenzen an Brillenfabrikanten, jetzt schicken sie die Sehhilfen sogar auf die Runways. Mit dem Ergebnis, dass sich nun auch traumatisierte Kurzsichtige endlich schick.

Der Trend kommt aus England. Paul Smith, schon seit längerem ein Fan des Bücherwurms, versucht in dieser Saison mit kreisrunden Philosophengläsern seinen Models einen intellektuellen Touch zu geben. Luella pflanzt den Mädels Riesengestelle ins Gesicht, deren Anblick allein allerdings bei erfahrenen Brillenträgerinnen Druckstellen auf der Nase auslöst.


Fotos: style.com

Beides vor allem empfehlenswert für robustere Naturen, die nicht nur über ein stabiles Selbstbewusstsein sondern auch eine großen Portion Selbstironie verfügen. Sensiblere Geister finden das Passende eher bei dem gerade total angesagten britischen Label Cutler and Gross, das sich von einer brillenhistorischen Blütezeit inspirieren ließ: dem Sekretärinnenlook der 60ties.

Das steht auch Professorinnen.

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