Eine investigative Reporterin schreckt vor nichts zurück – auch wenn shoppen zu ihren furchterregendsten Erfahrungen gehört. Verkäuferinnen registrieren erbarmungslos jeden Bad Hair Day, in den Umkleidekabinen steht ein fahles Gespenst im Spiegel, das von Mal zu Mal schlaffer zu werden scheint und ein verstohlener Blick aufs Preisetikett setzt sofortige Existenzangst frei. Nein, einkaufen ist wahrhaft kein Vergnügen, aber da muss die pflichtbewusste Reporterin durch, will sie das perfekte Sommerkleid finden.  

Die Suchkriterien: Gemustert, gerade geschnitten, knielang. Ein Shiftdress oder Etuikleid also.

Anlaufstelle: ein Münchner Kaufhaus für die Sinne, das aus purer Feigheit angesteuert wird. Dank einer reduzierten Zahl Damen im Verkauf, kann man ungestört Spionagefotos in der Kabine aufnehmen.

Im Test: (v. li. n. re.) ärmelloses Baumwollkleid im schwarz/weißen Paisleymuster von Windsor. 349 Euro; Kurzärmeliges, braun-weiß gemustertes Kleid aus Seidenjersey  von Strenesse, 399 Euro; Brau-Weißes Viskosejerseykleid mit dreiviertellangem Arm von Philosophy Blues 129 Euro.

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1. Das Windsorkleid. Da zeigt sich sofort das große Problem aller Etuikleider: sie müssen wie maßgeschneidert sitzen um gut auszusehen. Trotz Reissverschluß im Rücken schlägt das hier nur die Hüfte kleine Falten, oben rum schlackert es, was unerwünschte Einblicke im Oberarmbereich begünstigt. Der feste Baumwollstoff könnte auch für einen gehobenen Krankenschwesternkittel eingesetzt werden. Gesamteindruck: Wie von Tante Helga ca. 1958 selbstgeschneidert. Aber das Muster ist hübsch. Fazit: An jemand, dem es passt, kann es gut aussehen. Aber nicht an mir.

2. Das Strenessekleid. Eigentlich eher ein Hängerkleid als ein Shiftdress. Kommt aus der teuren Ecke, also ist auch die Umkleidekabine liebevoll ausgeleuchtet. Verarbeitung und Material, wie immer bei Strenesse, makellos. Man kann einfach reinschlüpfen und der Empireschnitt umspielt gnädig jede nicht ganz durchtrainierte Körpermitte. Leider sehen die angeschnittenen Ärmelchen eigentlich nur an 25jährigen knochigen Calista Flockhart Figuren süß aus, aber Finger weg, wenn die Oberarme auch nur leicht zum schwabbeln neigen.  Gesamteindruck: Tante Helga hat sich was besonderes gegönnt. Wer dafür 399 Euro bezahlen will, nur zu. Ich nicht.

3. Das Philosophy Blues Kleid. Kommt aus Dänemark und darf dank seiner geringen Gewinnspanne nur in Kabinen in der Aldi-Version anprobiert werden. Wer billig kauft muß leiden. Doch trotz erbarmungsloser Beleuchtung eine Überraschung. Es lässt sich ruckzuck überziehen, man fühlt sich sofort wohl drin, die Ärmel verdecken elegant jedmögliche Schwachstelle und  das Riesenmuster hat einen edlen Pucci-Touch. Dumm nur, dass der Jersey so dünn ist, dass sich sogar die Strumpfhosennaht durchdrück, ganz zu schweigen von dem kleinen Röllchen das oben drüber raus quillt. Was zieht man unter so ein Kleid an, wenn man nicht nackt im Raum stehen will? Gesamteindruck: Von Frau Strehle überarbeitet, wäre das Kleid eine Wucht, und sogar Tante Helga würde chic darin aussehen – aber dann eben nicht mehr für 129 Euro. Schade.            

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