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Frau Reskis Post von heute

Hans Rolf Rippert ist tot. Er starb im Alter von 76 Jahren. Unter seinem Künstlername Ivan Rebroff hat er, wie er selber sagte, „die russische Seele nach Deutschland gebracht“. Nicht nur das, muss man hinzufügen, ganz Europa, nein die ganze Welt hat er damit erwärmt und auch hier im Stylebus gehört er zu den meistgehörten Dauerbrennern. Zu Erinnerung einfach hier klicken

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Apropos Russland. Dank Gucci-Designerin Frida Giannini ist Putins Märchenland in der Wintersaison 2008 mal wieder ein Topthema. Ivan Rebroff wäre entzückt gewesen.

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1. Nicole Kidman ist ein Botox-Junkie, eine hochtalentierte Schauspielerin, eine Zicke, schwanger und sie hat ein tolles Gespür für Modetrends. Zumindest die beiden letzten Punkte bestätigte sie während der Oscars letztes Wochenende: Sie trug ein Bäuchlein und darüber ein tadelloses, sensationell langweiliges schwarzes Abendkleid von Balenciaga. Allerdings maßgeschneidert. Dazu auffallend viel Blingbling in Gestalt einer 1399 Karat schweren Diamentenkette, dreimal ums Dekollete gewickelt. Ein echter modischer Scoop, wie seit heute klar ist. In Paris hat der sehr einflußreiche Givenchy-Designer Ricardo Tisci die selbe Idee gehabt – Schwarz (sowieso allgegenwärtig in den Winterkollektionen) mit ellenlangen feingliedrigen Ketten aufzupeppen. Wer hat da wen inspiriert? Oder ist doch alles nur ein Zufall? 

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2. Hussein Chalayan, ebenfalls ein Pariser Trendsetter, favorisierte auch die Farbe schwarz. Aber – surprise, surprise – er schickte sein Models nicht mit der üblichen arroganten Muffelmiene auf den Laufsteg. Sie  lächelten!  Manche noch etwas zaghaft, aber nett. Ein Trend, der bleibt?

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3. Auf Dries  van Noten ist immer Verlass. Während Paris sich in der neuen Strenge suhlt (the new austere – genau genommen ein alter Hut ist) setzt er sein Spiel aus der vergangenen Sommer-Saison (die uns Normalmädels ja erst noch bevorsteht) fort und kombinierte munter Farben und Muster. Entschuldigung für das altmodische Wort –  eine Augenweide.  

 
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 Via style.com

Du, sage ich zu meinem Mann, tolles Buch hier von Thomas Glavinic: Das bin doch ich. Solltest du lesen. Es wird dir gefallen.

Warum?

Er beschreibt, wie Männer so ticken, an seinem eigenen Beispiel. Gnadenlos ehrlich, brutal zu sich selbst, und sehr witzig. Du wirst dich wiedererkennen.

(Das Telefon klingelt, Frau Reski ist dran) Hast du Mona gelesen, von Alexander Gorkow, fragt sie.

Ja, sage ich. Eigenartiges Buch. Viel Wortgeklingel mit genialen Passagen dazwischen. Talent hat er. Aber weißt du was merkwürdig ist: Glavinic und Gorkow rasieren sich beide eine Glatze. 

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Thomas Glavinic Alexander Gorkow 

(Frau Reski lacht.) Darüber wollte ich immer schon mal eine Kolumne schreiben. Warum es Männern gefällt, wie Gulag-Sträflinge rumzulaufen.

Gorkow schreibt in seinem Roman viel über Rumänien. Vielleicht liegt es daran, sage ich. Und Glavinic ist Österreicher, die sind sowieso unberechenbar.

(Frau Reski lacht immer noch.) Und wenn’s kalt wird, ziehen sie sich so ein Strickmützchen drüber. Du, mein Handy klingelt, die Zeit ist dran. Ich muss aufhören. Chiao. (Sie legt auf.)

Warum rasieren sich Schriftsteller eine Glatze? frage ich meinen Mann.

Wie alt sind sie?

Glavinic ist 1972 geboren, Gorkow 1966.

Beide also plus, minus vierzig. Dann ist der Grund doch klar. Totale Panik. Beiden gehen die Haare aus und sie sind völlig ratlos, in welcher Länge sie den Rest stehen lassen sollen. Egal, wie lang, es besteht die Gefahr, sich lächerlich zu machen, die Würde zu verlieren. Die denken, Glatze hat zwar was von einem Neonazi, sieht aber wenigstens männlich aus. (Er streicht sich versonnen über seine Frisur, die am Vormittag im türkischen Salon von acht auf vier Millimeter runtergekürzt wurden. Für fünf Euro, Ohren rasieren und Tee inklusive.)

Hm, sage ich, sehen ja beide eigentlich auch ganz passabel aus. 

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Das Ereignis heute nachmittag im Münchner Südfriedhof: Ein Krokusmeer. Die Muttis mit Kinderwagen, die Krankenschwestern in der Mittagspause, ja selbst die Penner standen staunend da und dokumentierten mit dem Fotohandy ihr Naturerlebnis. Blüten im Schnee dachte ich, was nicht ganz den Tatsachen entsprach (nur Frühling, kein Schnee), aber die Krokusse sind nun ein guter Anlass, eine weitere Kurzgeschichte zwanglos hier einzustreuen. Es geht darin im Großen und Ganzen um den TV-Maler Bob Ross, Mode und Karl Lagerfeld, weshalb die Geschichte im Stylebus durchaus ihre Berechtigung hat. Falls Sie sich beim Lesen fragen sollten, wie Madame Pompadour auf dem erwähnten Bild von Francois Boucher aussieht, helfen auch in diesem Fall die Segnungen des Internets weiter. 

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Via Alte Pinakothek, München 

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Bei Dior war es auch wieder da. Das Mädchen mit den Sattelitenschüsselaugen. Bei ihrem Anblick wird’s einem richtig schwindelig. Irgendwie sieht Masha Tyelna immer aus wie Marie Antoinette beim Anblick des Schafotts. Der perfekte Look in einer Saison, in der Horrorfilme bei Designern schwer im Trend liegen.

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Wenn sich nicht gerade ein Make-up-Künstler über sie hergemacht hat, könnte das das Model aus der Ukraine übrigens ohne Aufsehen zu erregen in jeder Mensa an der Essensausgabe anstehen.

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Via Style.com und New York Magazine  

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Als Beweis für ihren Modemut hat mir Frau Reski ein Foto ihres Münchner Huts zur Verfügung gestellt. „Zum Weinen schön, mit schwarzem Tüll und schwarzem Vogel“ – der allerdings auf dem Handy-Foto nur unzureichend zu identifizieren ist. Es ist das glänzende schwarze Federdingens links oben. Erstanden bei Gabriele Jofers in der Leopoldstr. 49.  Solange Hutfans sich also einen echten Philip Treacy mangels dafür notwendiger Heirat (wie seine beste Kundin Camilla) oder Erbschaft nicht leisten können, die alternative Adresse. 

Da der Spiegel ausgerechnet beim Oscar seinen Ruf als seriöses journalistisches Unternehmen retten will und nur sterbenslangweilige Porträts der Oscar-Gewinner zeigt, hier der Verweis auf die Berichterstattung des Guardian. Alles da, was Stylepolizistinnen und Bissgurken zur Nahrungsaufnahme brauchen.  

Zwei nette Fotos gab es auch:

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Cate Blanchett geschmackvoll schwanger in einem Kleid von Dries van Noten.

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Tilda Swinton jenseits des massentauglichen Stylings in einem Samtsack von Lanvin. Nach Meinung der Stil-Expertinnen deutscher Promi-Postillen ein Fashionflop, aber immerhin hat sie es geschafft, alle total zu verunsichern. Soll das jetzt Glamour sein oder was? Aber ja, auf diesem Foto sieht sie doch hinreißend aus. Faye Dunaway hätte ein bißchen Selbstkritik dagegen gut getan. Bei ihrer Aufmachung kann Tilda Swintons Handkuss nur als liebenswerte Geste an eine große Kollegin gedeutet werden, aber ganz sicher nicht als eine Verbeugung vor deren Stilgefühl. Die Goldnummer wäre noch nicht mal an Marilyn Monroe in den 50er Jahren als glamourös durchgegangen.

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Dies ist ein Hut. Auch wenn ich, anders als die mutige Frau Reski, Hüte nur bei sengender Sonne trage und mir diese Chinoiserie von Philip Treacy nie aufs Haupt kommen würde, muss ich voller Bewunderung zugeben: ein großartiges Stück. Treacy hat sich bei einem Aufenthalt in Kyoto dazu inspirieren lassen, die Figurinen sind aus Kork, es stecken „120 Stunden Handwerksarbeit“ drin und während man die „phantastische japanische Landschaft“ auf dem Kopf trägt soll man nach dem Willen des Schöpfers „von Japan träumen“. Warum das gute Stück dann „Chinese Garden“ heißt, bleibt allerdings sein Geheimnis.  

Treacy, zur Zeit wahrscheinlich der bedeutendste Hutmacher (wenn man so ein profanes Wort für einen derartigen Vituosen überhaupt benutzen darf), hat das Headdress (so die offizielle Bezeichnung) 2005 für Alexander McQueen gestaltet, bewundern kann es inzwischen aber jeder, vorausgesetzt er besucht im Internet oder doch lieber vor Ort das Metropolitan Museum of Art in New York. Der Chinese Garden gehört zur Modesammlung des Museum und ist im Internet Teil seines Fashionblogs. Dort stellen die Kuratoren nach und nach die besten Stücke der Sammlung vor und Besucher der Ausstellung können ihre Kommentare abgeben. So erfährt man in feinstem Kunsthistoriker-Slang, dass Treacys Kreation eine Referenz an die Chinoiserien des 18. Jahrhunderts und an die Haarmode ca. 1770 in Europa ist, im Sinne von „elaborate landscapes constructed in the topography of women’s heroically sculpted hair“. Auch die Kommentare sind oft sehr informativ und lesenswert – von einem gelegentlichen „it sucks!“ oder „arrgh!“ mal abgesehen. Alles in allem eine klasse Idee, um in Zeiten, in denen jeder F-Promi sich dazu berufen fühlt, ein eigenes Label zu gründen, an die handwerkliche Qualität und gesellschaftliche Bedeutung wirklich guter Mode  zu erinnern. 

Eine tröstliche Entdeckung von Frau Reski. Plötzlich fühlt man sich nicht mehr so allein.

Da wir gerade bei Kunst sind – Consuelo Castiglioni, die Designerin von Marni, hat endlich ihre Vorliebe für plumpen Halsschmuck aufgegeben und gerade in Mailand eine phantastische Kollektion gezeigt, „with a painterly eye for an offbeat choice of shades“, wie Sarah Mower auf style.com schreibt. In den Händen einer Meisterin wird sogar greige (grau und beige) spannend.

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Warum bloggst du ausgerechnet über Mode, fragen mich meine Freunde. Weil Mode was mit Kunst zu tun hat und sich zu schmücken ein urmenschliches Bedürfnis ist usw usf. Während ich noch mit der Antwort ringe, findet mein Mann eine wortgewaltige allgemeingültige Interpretation im Netz. Besser kann man es nicht ausdrücken. 

Via Hamlethamsterblog

Wir sind alle Individualisten – und stolz darauf, nicht wahr? Zumindest so lange, bis die Bilder von Aris Versluis uns zeigen, dass wir uns ganz gewaltig irren. Gemeinsam mit der Stylistin Ellie Uyttenbroek holt er seit Jahren ganz normale Menschen vor seine Kamera und ordnet sie gemäß ihrem Äußeren bestimmten Gruppen zu. Väter, die Kinder tragen z.B., Frauen in Businessanzügen oder Rasta-Typen. Sie interessieren sich für die Ähnlichkeiten, nicht die Unterschiede, deshalb achten sie sorgfältig auf Pose, Kleidung und gruppentypische Details wie ein Hemdzipfel, der aus der Hose hängt oder dass der Mantel zugeknöpft ist. Wetten, dass sich jeder beim Betrachten der Fotos auf ihrer Website irgendwann ertappt fühlt, und vielleicht zum ersten Mal realisiert, welchem Stamm er da angehört.

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Exactitudes nennen die Rotterdamer Pioniere der Streetstyle-Fotografie ihre Arbeiten, für die sie die Dresscodes in so verschiedenen Städten wie Rotterdam, Peking oder Rio de Janeiro studierten. Demnächst sind sie in London, wo sie im Auftrag des Kaufhauses Selfridges die einheimischen Trachten fotografieren werden. Parallel zur Aktion gibt es auch eine Ausstellung. Alles Nähere dazu in diesem Artikel im Guardian.

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Ein Post Scriptum zum Mustermix. Diane Vreeland, Stilikone par excellence,  hat auch ihr Zuhause gnadenlos durchgestylt. Angeblich wollte sie, dass ihr Apartment in New York aussieht, „like a garden in hell“.  Wie man sieht hat sie gute Arbeit geleistet – offensichtlich unter Berücksichtigung einer konventionellen Stylingregel: Immer schön in einer Farbwelt bleiben. Ansonsten richtet sich das Ganze nach einer typischen Vreeland-Maxime: „Never fear being vulgar, just boring“.

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Thank you to Linda Grant of The Thoughtful Dresser for this sensitive picture find.