Sie war weder schön noch charmant. Mit siebenundvierzig wurde sie immer noch rot, wenn ein gutaussehender Mann sie auf der Straße ansprach und sie zum Beispiel nach der Uhrzeit fragte. Oder nach dem Weg. Obwohl sie sofort wußte, dass er es nicht auf sie abgesehen hatte, nicht mit ihr flirten wollte oder irgendein geheimes perverses Interesse hatte, sondern ihr nur eine harmlose Frage stellte, stürzte sie jeder ganz normal gutaussehende Mann damit sofort in Verwirrung.
Verschiedene Gefühle verknäulten sich in ihrem Körper. Sie spürte, wie die Angst, dass er etwas von ihr wollen könnte, sich bekämpfte mit dem Verlangen, dass es genau so sei. Dazu kam die Panik, er könnte irgendetwas von ihrer Verlegenheit merken und, was die Panik noch verstärkte, sie lächerlich finden. Gleichzeitig wußte sie, wie schrecklich harmlos er war und dass er all diese umherirrenden Gefühle nicht wert war. Das löste nur noch zusätzliche Verlegenheit aus. Deshalb konnte sie den jungen Mann, der sie nur nach einer Straße gefragt hatte, nicht richtig anschauen. Er hätte ja ihr ganzes inneres Wirrwarr aus ihren Augen leuchten sehen wie aus einem Fernsehapparat.

Also blickte sie ihn nicht an, sondern murmelte die Wegbeschreibung, von ihrem ausgestreckten Arm begleitet, in Richtung ihrer Füße. Der junge Mann, nun seinerseits verwirrt über diese merkwürdige ältere Frau, vergaß in der Regel sich zu bedanken und verschwand. Und sie haderte zum millionsten Mal mit sich, dass sie nicht wie jeder andere Mensch auf eine einfache Frage eine einfache Antwort geben konnte.
Ohne Gefühle involviert.

Dieses Unvermögen, einfach auf andere Menschen loszugehen und ein paar Worte an sie zu richten, egal ob auf Parties, Betriebsfesten, in Aufzügen oder überfüllten U-Bahnen, empfand sie immer als Handicap. Sie glaubte nicht daran, dass ausgerechnet sie es schaffen könnte, nur dank der Kraft ihrer großartigen Persönlichkeit die Menschen für sich zu gewinnen. Ein schwaches Selbstbewußtsein war ein großer Nachteil, wenn man nicht gerade mit Schönheit gesegnet war. Schönheit verstand sie immer als das größte Plus, mit dessen Hilfe sich ein Mensch, egal ob Mann oder Frau, sich das Leben zu seinen Gunsten einrichten konnte. Schönheit oder Charme. Sie war fest davon überzeugt, dass diese beiden Mankos sie daran gehindert hatten, aus ihrem Leben etwas besonderes zu machen.

Aber sie hatte sich immer geweigert, die Endgültigkeit dieses Schicksals zu akzeptieren. Als könnte doch noch jederzeit eine gute Fee auftauchen und mit einem kurzen Wisch eines dünnen Stabes, aus dem Sternenfunken sprühten, sie erlösen.

Aber einen Tag vor ihrem siebenundvierzigsten Geburtstag ergab sie sich dann doch in ihr Schicksal.

Sie hatte morgens beim Frühstück in der Zeitung von einer Sängerin gelesen. Das klang interessant. Außerdem war die Sängerin auf einem Foto abgebildet. Nichts war von ihr darauf zu erkennen außer einem Vorhang aus glatten blonden Haaren, einer großen Nase, die aus dem Schatten auftauchte und einer Zigarette, die sie in der Hand hielt. Aber hinter der Sängerin war David Lynch zu sehen. Der amerikanische Regisseur, von dessen Filmen sie sehr viel hielt. Er guckte geradeaus in die Kamera. Der Focus der Kamera lag auf ihm, obwohl es in dem Artikel um die Sängerin ging. Er war gut zu erkennen, sein Strubbelkopf und der Rollkragenpullover, der sein Lieblingsstück zu sein schien, weil er ihn auf vielen Fotos trug. Wenn David Lynch diese Sängerin mag, so schlußfolgerte sie, dann ist sie auch gut. So viel vertraute sie ihm. Und weil die überdimensionale Hakennase darauf schließen ließ, daß die Sängerin sich der Schönheitschirurgie verweigerte und deshalb auch offensichtlich nicht auf MTV groß rauskommen wollte, ging sie los, um die Platte zu kaufen. Morgen war ihr Geburtstag und sie leistete sie sich als Geschenk.

Auf dem Weg in den Plattenladen erschrak sie. Sagte man überhaupt noch Platte und Plattenladen, oder hieß es nicht eher CD? Oder sagten das wiederum nur die Leute, die keine Insider waren. Sie war nicht auf dem laufenden was den Musikjargon anging. Seit Jahren hatte sie keine CD oder Platte mehr gekauft. Einmal hörte sie in der Kantine zwei jungen Kollegen über die neuesten Scheiben sprechen. Scheiben! Aber irgendwie vertraute sie Angestellten, die täglich Karohemden zu Anzügen trugen, nicht wirklich, wenn es um das Gespür für die richtige Konnotation beim Gebrauch von Wörtern ging. Scheibe kam ihr doch arg prätentiös vor. Andererseits waren die beiden Männer 15 Jahre jünger als sie und ausdrucksmäßig näher an der tonangebenden Bevölkerungsgruppe.

An dem Samstag vor ihrem Geburtstag stand sie also in dem Laden, über dessen Eingang Music Store stand, und suchte zwischen Heerscharen unrasierter cooler junger Männer mit fettigen Haaren die Regale nach dem Buchstaben G ab. Weil der Nachname der Sängerin mit G anfing. Aber sie mußte feststellen, dass sie nicht so einfach davonkommen würde. Der Laden war für eine rein alphabethische Ordnung seiner Produkte zu groß. Sie mußte sich schon auf einen Musikstil festlegen. Black Music? Ganz klar nein. Die Adlernase der Sängerin auf dem Foto war eindeutig weiß gewesen. Techno? Eher nicht, aber was wußte sie schon von Techno? Sie hatte nur die Idee einer Ahnung wie sich das anhört und entschied sich erst mal dagegen. Jazz? Hm,hm. Die Sängerin war Mitglied einer britischen Gruppe, deren Name eher nicht nach Jazz klang, aber hier ging es um die erste Soloplatte der Sängerin, und der Schreiber hatte sie mit Nina Simon und Billie Holiday verglichen. Zwei berühmte Jazzsängerinnen, so viel war sicher. Also suchte sie bei Jazz unter dem Buchstaben G. Erfolglos. Recht gehabt. Doch keine Jazzsängerin.

Sie konnte sich nicht überwinden, einen der jungen Männer anzusprechen, die mit kleinen Namenschildern signalisierten, dass sie zum Auskunft geben angestellt waren. Einmal weil sie den genauen Namen der Sängerin vergessen hatte. Giddons oder Gibbens? Außerdem weil sie nicht wußte, ob es nun Platte, CD, Scheibe oder noch ganz anders hieß. Sie fürchtete den verächtlich lässigen Blick junger Männer, die sie musterten und lächelnd dachten, ey, aus was für einem Jahrhundert bist du denn, Alte?

Die Aufgabe, einen unbekannten jungen Mann anzusprechen, stürzte sie prinzipiell in Verwirrung. Lächerlich, sie wußte es. Das machte die Sache trotzdem nicht besser. Also ließ sie es bleiben. Suchte weiter bei G in den Bereichen Rock, Indies (das wußte sie aus dem Kino, dass es Independent hieß, was immer das bedeutete. Unabhängig von was oder wem? Aber sie argwöhnte zu recht, dass sie da wohl erfolglos bleiben würde), Female Vocals, (warum sie da nicht fündig wurde, blieb ihr ein Rätsel.) Trip Hop (Hatte sie nie zuvor gehört. Was das wohl war im Gegensatz zu Hip Hop, von dem sie auch nur eine blasse Ahnung hatte). Klassik und Hörbücher kamen Gottseidank eindeutig nicht in Frage. Nach einer halben Stunde entdeckte sie die Regale mit den unterschiedlichen Hitparaden, die sie ebenfalls vergeblich absuchte. Auch die aufeinander gestapelten CD-Türme an den Kassen enthielten nicht, was sie suchte. Langsam begann sie, sich über sich selbst zu ärgern. Wie konnte sie nur so blöd sein und nicht fragen.

Sie brachte es einfach nicht über sich, einem dieser schmalbrüstigen Kerlchen in T-Shirts mit den Schriftzügen von Bands auf der Brust ihre Uncoolness zu offenbaren. Immerhin hatte sie an diesem Morgen nicht geduscht, die Haare standen ihr in alle Richtungen und sie hatte ihren alten Helmut Lang Mantel (aus dem Ausverkauf von vor sechs Jahren) an. Und verschlissene Turnschuhe. Sie sah also einigermaßen akzeptabel aus für die Kundschaft eines music stores. Diesen Eindruck wollte sie nun nicht mit einer inkompetenten Frage zerstören.

Sie hatte sich schon fast entschlossen, zu gehen, als sie die Verkäuferin entdeckte, die CDs am Regal Hitparade einsortierte. Eine kleine, magere Hilfskraft, die so heroinsüchtig aussah, daß man mit einer blöden Frage nicht Gefahr lief, das Gesicht zu verlieren. Wieviel Würde kann man schon bei einer schwarz gefärbten Junkiefrau einbüßen, die in einem Ein-Zimmer-Apartement vor sich hin vegetiert und gerade so viel Geld mit ihrer Einsortiererei verdient, um nicht auf den Strich gehen zu müssen. Vorsichtig pirschte sie sich näher, räusperte sich zart, damit die Grufti-Dame auch merkte, dass sich da jemand von hinten anschlich und fragte atemlos und mit klopfendem Herzen: “Entschuldigen sie bitte, könnten sie mir vielleicht helfen?”

Die Punkerin auf Methadon zuckte bei dem ungewohnten Sie in der Anrede merklich zusammen, erwiderte aber mit einer erstaunlich schönen tiefen Stimme, die man so einem klapperigen Gestell gar nicht zutrauen würde: “Kommt darauf an, wobei.”
Vielleicht doch eher die Sängerin einer aufstrebenden Trip Hop(?)-Gruppe. “Ich suche das Soloalbum von Beth Gibbons”, sagte sie.
Album! Ha, geschickt um den Stolperstein gekurvt.
Nun schaute der rappelige Popstar in spe doch von seinem Einkaufswagen voller CDs. Anerkennend, wie es schien.
„Die ist in Deutschland noch nicht raus. Die haben wir noch nicht. Aber heute haben schon viele Leute danach gefragt.”
Ganz eindeutig mit Staunen in der Stimme. Wieso wird plötzlich soviel nach ausgerechnet dieser Platte (oder CD oder Scheibe) verlangt, schien sie sich zu fragen. Und wieso ausgerechnet von so einer angejahrten Tante, die eigentlich auf die Rolling Stones stehen müßte.

Ganz klar keine Leserin der regionalen Presse, die Platteneinsortiererin. Auch davor hatte sie sich gefürchtet. Dass die coolen Verkäufer sie für einen dieser Spießer halten könnten, die sich ihre Bildung anlesen müssen statt sie lässig aus der Luft zu tanken, und mit Zeitungsausschnitten einkaufen, oder zum Frisör gehen. Gottseidank war das Fräulein wohl zu sehr mit seiner Popstarkarriere beschäftigt um Tageszeitungen zu konsumieren.

Sie bedankte sich höflich und verließ den Laden. Noch am selben Tag bestellte sie die Platte per E-Mail bei amazon, hörte sie einmal an, an dem Tag, an dem sie in der Post war und dann nie wieder. Sie gefiel ihr nicht.

Aber von da an wußte sie, sie würde in ihrem ganzen Leben nicht mehr den richtigen Friseur finden, oder die richtige Figur für die richtigen Klamotten haben. Sie würde es nie mehr schaffen, zum richtigen Zeitpunkt die Musik gut zu finden, die gerade in Mode war und es würde ihr auch nie mehr gelingen, einen unrasierten jungen Mann in einem schwarzen T-Shirt so zu beeindrucken, daß er versuchen würde, sie ins Bett zu kriegen.
Sie war siebenundvierzig Jahre alt.