Auf der Autobahn in die Berge staute es. Reinhold fluchte und gab Susanne die Schuld. Weil sie im Bad so lange rumgetrietschelt hatte, waren sie zu spät losgekommen, obwohl klar war, daß bei dem schönen Wochenende alle Welt in die Berge fahren würde. Er hatte schon abends die Mountainbikes aufs Auto montiert, damit sie morgens früher los konnten und dann kam sie ewig nicht aus dem Bad. Typisch Frau.

Während Susanne abwesend einen Mann im Auto nebenan beobachtete, der trotz zweier Kinder im Fond ausgiebig in der Nase bohrte, überlegte sie, ob sie Reinhold sagen sollte, daß sie schwanger ist.
Es war vor vier Wochen passiert. Sie wusste den Zeitpunkt genau. Er hatte im Flur sein Fahrrad geputzt. Das machte er gerne. Er hätte es natürlich auch einem Mechaniker in einem Fahrradladen überlassen können, aber es ging ihm nicht um die Zeit oder das Geld. Er liebte es einfach, sein teures schickes Fahrrad eigenhändig auseinanderzunehmen, zu säubern, einzuölen und wieder zusammenzusetzen. Er bockte das Fahrrad auf dem Sattel auf und arbeitete konzentriert und ohne Unterbrechung fast drei Stunden. Susanne beobachtete ihn dabei, wie er sich die gepflegten Hände mit Schmieröl beschmutzte. Sie sah seine langen eleganten Finger die Kette lockern und Glied für Glied sorgfältig abschrubbben und war fast neidisch. Sie kannte keine andere Tätigkeit, der er sich so hingab. Nicht mal Sex.

Als er verschwitzt von der Plackerei, aber hochzufrieden, unter die Dusche ging, nutzte sie die Gelegenheit. Sie duschte auch, cremte sich mit der Bodylotion ein, die er ihr geschenkt hatte und es wirkte, wie es immer wirkte. Er hatte die Einladung ihres nackten Körpers ohne Worte verstanden und sie hatten es auf dem Sofa im Wohnzimmer miteinander getrieben.
Reinhold fand es langweilig, zum Vögeln ins Bett zu gehen.
Er hatte nicht verhütet, weil er glaubte, daß Susanne die Pille nahm. Er wußte nicht, daß sie schon seit Monaten damit aufgehört hatte. Seither wartete sie auf die richtige Gelegenheit, es ihm zu sagen.

Sie führten eine Wochenendehe. Er arbeitete in Frankfurt in einer Bank und kam Freitagabend oder manchmal sogar erst am Samstagmorgen zu ihr in die gemeinsame Wohnung nach München. Und da auch sie sehr erfolgreich im Job war, sie coachte Manager, die ohne zu stottern vor Fernsehkameras auftreten wollten, sahen sie sich selten. Oft nicht mal am Wochenende. Nur zum Mountainbiken in den Bergen versuchte sie ihn, wenn möglich, zu begleiten. Man konnte ja nie wissen, wen er dort traf. Es gab viele hübsche Mountainbikerinnen und Reinhold hatte eine Vorliebe für durchtrainierte, sportliche Frauen. Aber sie schaffte nicht immer, mit zu kommen. Sie mußte auch an ihre Karriere denken.

Der Stau hatte sich noch nicht aufgelöst. Nebenan klatschten die Kinder in ihren Sitzen mit den Händen. Susanne konnte ihr Alter nicht einschätzen, bei Kindern fiel ihr das schwer. Managern sah sie auf den ersten Blick das Alter an, egal ob geliftet oder nicht. Liften war im Moment unter ihren Kunden sehr in Mode.
Die Kinder schienen zu singen. Es sah aus, als ob sie trotz der Anschnallgurte schunkelten. Der Vater bohrte schon wieder ungerührt in der Nase. Daß Eltern sich vor ihren Kindern so ungeniert aufführten, konnte Susanne nicht verstehen. Was waren das für Vorbilder? Kindern mußte doch von Anfang an Rücksicht und Disziplin beigebracht werden. Ihr Kind würde nicht so schunkeln im Auto. Das würde sie sich nicht bieten lassen.
Reinhold drehte am Radio und fluchte, weil er nichts fand, das ihm gefiel. Er haßte Popmusik, er haßte Klassik, er konnte deutsche Schlager nicht ausstehen und Volksmusik erst recht nicht. Eigentlich hörte er nur Nachrichten. Susanne streichelte heimlich ihren Bauch und nahm sich vor, ihrem Kind das Tanzen beibringen zu lassen. Reinhold konnte nicht tanzen. Aber das war wirklich sein einziger Makel. Und tanzen konnte man ja lernen. Ansonsten sah er sehr gut aus, das war der Grund, warum sie sich auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte, damals als er bei ihr Coachingstunden nehmen wollte. Sie hatte ihn an ihren Geschäftspartner überwiesen, weil sie keine Kunden unterrichtete, die sie wirklich attraktiv fand, aber natürlich wußte sie dank des Terminkalenders der Sekretärin sehr genau Bescheid, wann Reinhold seine Stunden hatte und richtete es so ein, daß sie dann auch im Büro war. Schließlich sah er nicht nur gut aus, groß, durchtrainiert, schmale Hüften, lange Beine, gepflegte Hände, als Vorstandsassi in der größten deutschen Banken stand ihm damals auch eine glänzende Zukunft bevor.

Und sie hatte recht behalten. Er war seit ihrer Hochzeit vor vier Jahren unaufhörlich weiter nach oben gestiegen Inzwischen war er Chefcontroller, mit gerade mal 38. Sie paßten perfekt zusammen. Das Kind würde hübsch sein. Schließlich sah sie gut aus, das ließ Reinhold immer wieder durchblicken. „Ich könnte mich nie in eine häßliche Frau verlieben“, sagte er gerne und streichelte ihre die Brüste. Für sie wäre es eine Tragödie, ein häßliches Kind zu haben, überlegte sie. Sie hoffte, daß die abstehenden Ohren von Reinholds Vater nicht durchschlagen würden.

In dem Opel nebenan verteilte die Mutter Apfelschnitzen an die Kinder. Susanne konnte sie nicht richtig sehen, weil sie von ihrem Mann verdeckt war, der jetzt im Takt auf dem Lenkrad herumtrommelte. Wohl, weil ihm die Musik im Radio gefiel. Die Kinder aßen ihren Apfel und winkten Susanne zu, aber sie tat so, als hätte sie es nicht gesehen.

Reinhold hatte das Radio wieder ausgemacht. Er zog aus Langeweile an seinen Fingern bis die Gelenke knackten. Jedes einzelne. Sie spürte seine Ungeduld. Er wollte endlich aufs Fahrrad. Im Flugzeug von Frankfurt nach München wählte er immer die Routen aus fürs Wochenende, das war unterwegs seine liebste Beschäftigung. Er suchte immer nach den schwierigen Strecken. Susanne hatte war zwar schon mal auf einem Mountainbike gesessen, bevor sie ihn kennenlernte, aber erst mit ihm hatte sie ernsthaft mit dem Sport begonnen. Anfangs war es schwer gewesen, mit ihm mitzuhalten. Er nahm wenig Rücksicht auf sie. Aber der Anblick seines durchtrainierten Hinterns in den Radlerhosen und seiner langen sehnigen Beine hatte sie noch jeden Berg hochgezogen. Anfangs hatte sie manchmal gedacht, ohnmächtig vom Rad zu fallen vor Anstrengung. Es kam ihr vor, als schmeckte sie das Blut in ihren Lungen und ihr Herz klopfte so schnell, daß sie dachte, es würde überdrehen. Aber sie war tapfer geblieben und ohne zu murren hinter ihm hergejagt. Sein erstes Geschenk war ein Fahrrad mit allen Schikanen gewesen und wenn er aus ihrem Blickfeld verschwand, weil sie wieder zu langsam war, hatte sie der Versuchung standgehalten, abzusteigen und zu schieben. Dank der erstklassigen Gangschaltung hatte sie es noch immer geschafft, jeden Berg hochzukommen. Inzwischen konnte sie fast mit ihm mithalten.

Sie war stolz auf sich.

Das Biken hatte auch ihrem Körper gut getan. Sie war absolut fit und durchtrainiert. Keine Spur von Schwabbel oder Cellulite, mit 34 nicht mehr selbstverständlich. Sie betastete ihre Oberschenkel und freute sich, daß sie selbst bei dieser Autositzerei fest und sehnig blieben. Sie würde ein hübsches Kind kriegen, da hatte sie keine Sorge.
Heimlich betrachtete sie Reinholds Profil. Ihre Mutter hielt ihn für arrogant und fand, ein Mann mit Stupsnase könne sich das nicht leisten. Was natürlich Unsinn war. Reinhold hatte eine eher kleine Nase und manchmal fiel ihr das Sprichwort ein: „An der Nase eines Mannes….“ Aber sie war ja auch zierlich gebaut. Sie paßten also gut zusammen. Er ließ sich auf ihr Anraten die Haare ganz kurz schneiden, was ihm sehr gut stand. Er sah aus wie der Geschäftsführer eines Senders im Privatfernsehen.

Vielleicht wäre es besser, ihm die Schwangerschaft erst zu beichten, wenn sie sich absolut sicher war. Sie hatten zwar schon ein paar Mal über Kinder gesprochen, aber waren beide der Meinung gewesen, vorher erst mal das Leben richtig zu genießen. Jetzt, wo Reinhold gut verdiente und ihr Business auch hervorragend lief. Sie coachte gerade den ärztlichen Leiter einer berühmten Wellness-Klinik und sie nahm sich vor, ihn zu fragen, woran eine Frau merkt, dass sie schwanger ist. Er war schließlich Arzt, er mußte es wissen. Einen Test konnte sie dann immer noch machen.

Reinhold hatte zwar immer gesagt, daß er erst ab vierzig Vater sein möchte, weil er sich vorher nicht reif dafür fühle, aber er würde ja bald vierzig sein, wenn das Baby auf die Welt kam. Er hatte sein Leben ganz genau geplant und sehr gut im Griff. Sie bewunderte ihn dafür. Aber genau genommen hatte sie ihr Leben auch gut unter Kontrolle. Ok, sie hätte es mit ihm ausdiskutieren müssen, ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt war für das Absetzen der Pille, aber nun war es eben passiert.

Sie verstand ihre Entscheidung im Nachhinein auch nicht mehr wirklich.
Sie hatte die Pille nach dem Streit über den Hund in den Müll geworfen. Sie träumte schon seit ihrer Kindheit von einem Hund und als der Huskie ihrer Freundin Renate Junge bekam, suchte sie sich den hübschesten Welpen aus. Mit der Option, vom Kauf zurücktreten zu können, wenn Reinhold nicht einverstanden war. Er hatte es leider strikt abgelehnt, sich die Hunde auch nur anzuschauen. Sie waren so süß und weich und kuschelig, aber er wollte keinen Hund in der Wohnung. Weil sie stinken und haaren war sein Argument. Susanne versprach ihm, den Welpen immer zu baden und zu bürsten und dafür zu sorgen, daß er eine gute Erziehung bekam und er nicht störte, aber Reinhold war stur geblieben. „Überleg‘ doch mal“, hatte er gesagt, „wieviel Zeit so ein Hund kostet. Der ist viel zu aufwändig. Da muß man sich viel zu viel drum kümmern.“

Na gut, hatte sie gedacht, wenn schon kein Hund, dann ein Kind. Und hatte die Pille ins Klo geworfen.

Der Stau löste sich langsam auf, wenn auch nicht ganz. Mehr ein stop and go. Reinhold wurde so ungeduldig, daß er mit der Stoßstange seines BMWs fast den klapperigen Fiat vor ihm anschob. Er nutzte jede Lücke in den Schlangen rechts und links neben ihm und wechselte bei jeder Gelegenheit die Spur, aber es nützte nichts. Er kam auch nicht schneller voran als die anderen, er handelte nur mehr, aber unweigerlich rückte immer wieder der Opel mit der vierköpfigen Familie neben ihnen auf, obwohl der brav immer in der gleichen Spur blieb. Reinhold fluchte. Er empfand es als persönliche Beleidigung, daß er trotz seiner hohen Position und seines weit überdurchschnittlichen Gehalts und seines perfekt geplanten und durchgeführten Lebens, mit ganz normalen Menschen in einem Stau stand und auch nicht schneller voran kam als sie. Am liebsten wäre er auf dem Seitenstreifen an ihnen allen vorbei geprescht. Das empfand er als sein natürliches Recht. So lebte er und so fuhr er Auto.

Früher war er noch rücksichtsloser gewesen. Bis eine Polizeistreife ihn angehalten hatte. Seither beachtete er Verkehrsregeln so einigermaßen. Geldstrafen machten ihm nichts aus, aber er mußte sein Punktekonto in Flensburg im Auge behalten. Den Führerschein zu verlieren, würde sich in der Firma herumsprechen. Das konnte selbst er sich nicht leisten.

In gewisser Weise bewunderte Susanne diese Rücksichtslosigkeit. Sein klares, zielorientiertes Verhalten würde ihm noch die ganz große Karriere bringen, da war sie sich sicher. Sie nahm ihn sich oft als Vorbild in schwierigen Entscheidungen, wenn ihre Gefühle ihr in die Quere zu kommen drohten. Zum Beispiel als sie ihre Sekretärin entlassen mußte. Ihr Geschäftspartner war dagegen gewesen, weil die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern auf den Job angewiesen war, aber Susanne fand es nicht länger tragbar, daß eine Sekretärin eine Arbeitsauffassung wie ein Maurer an den Tag legte, auf die Minute pünktlich nicht nur kam sondern auch ging und auch noch wegen jedes Hustens ihres Nachwuchses zu Hause blieb. Und dann die ewigen Erzählungen über schlechtes Gewissen und Schulsorgen und Überforderung und Einsamkeit. Mit so jemand kann man doch nicht konstruktiv zusammenarbeiten. Als sie dann eine erstklassige, kinderlose Vorzimmerdame auftrieb, willigte auch der viel zu weichherzige Partner endlich in die Kündigung ein. Seither lief alles bestens.

Susanne würde auf keinen Fall das Kind zum Mittelpunkt ihres Lebens machen. Schließlich gab es da noch Reinhold und ihren Beruf. Sie nahm sich fest vor, spätestens vier Wochen nach der Geburt wieder mit der Arbeit zu beginnen. Wozu gab es schließlich Kinderfrauen. Ein Kind ließ sich mühelos in einen Arbeitsalltag integrieren, das war alles nur eine Frage der Planung. Vier Wochen Stillen reichten. Ein Baby das länger an einem Busen rumzuzelt, zieht ihn nur unnötig in die Länge, fand sie. Ihre makellose Figur war schließlich ein wichtiges Kapital in ihrem Business, das würde sie sich auch von einem Baby nicht zerstören lassen. Schlimm genug, daß der Bauch in der Schwangerschaft so ausgeleiert wurde. Sie hatte das bei ihrer Freundin Karin gesehen. Die lief jetzt, immerhin ein viertel Jahr nach der Geburt, immer noch in Hosen rum, zwei Nummern größer als früher. Sie vernachlässigte sich, weil das Baby so viel brüllte und weinte. Sie wusch sich nicht mal mehr regelmäßig die Haare, geschweige denn, daß sie versuchte mit Gymnastik die ekeligen Hautlappen am Bauch los zu werden. So würde sie sich nicht gehen lassen.

Karin hatte ihr auch von dem Dammriss erzählt, und daß sie deswegen da unten genäht werden mußte. Weil die Naht so weh tat, hatte sie mit Martin, ihrem Mann, seit der Geburt nicht mehr geschlafen. Und ehrlich gesagt, sie hatte auch keine Lust mehr darauf. Nach einem Glas Wein, das sie sich genehmigte, obwohl sie noch stillte, hatte Karin ihr auch ganz verschämt die Hämorrhoiden gestanden, die sich seit der Geburt aus dem After drückten. Ekelhaft.

Spätestens da war Susanne klar gewesen, daß ihr Kind mit einem geplanten Kaiserschnitt auf die Welt kommen würde. Eine einfache, klare und saubere Lösung. Reinhold hatte nun mal nicht den größten Penis unter der Sonne, sie konnte sich nicht erlauben, unten rum noch weiter zu werden. Er fragte sowieso schon, ob sie ihn genug spüre beim Geschlechtsverkehr und sie hatte ihn bis jetzt immer beruhigt. Selbstverständlich Schatz. Mach weiter so.
Aber wenn sie ehrlich war, so richtig Spaß machte ihr nur der Vibrator. Aber das wußte Reinhold natürlich nicht. Das war ihre Sache.

Endlich hatte der Stau sich aufgelöst. Wie das so ist bei Staus, ohne erkenntlichen Grund, warum er sich überhaupt gebildet hatte. Reinhold trat aufs Gas und scheuchte jeden Langweiler, der vor ihm herzockelte, mit der Lichthupe auf die rechte Seite. Wenn es ihm nicht schnell genug ging, überholte er auch mal rechts, da kannte er keine Rücksicht. Susanne wußte nicht, ob das strafbar ist oder nicht, aber sie genoß es, mit einem Mann Auto zu fahren, der so sicher und souverän vorankam.
Sie lehnte sich im Sitz zurück und betrachtete die vorbeirauschenden Kiefernbäume. Ihr Kind würde ein Krebs werden, oder noch besser, ein Löwe. Beides war in Ordnung. Auch deswegen hatte sie keine neue Pillenpackung mehr besorgt. Spätherbst, eine gute Zeit, ein Kind zu machen. Danach kamen nur langweilige Sternzeichen. Jungfrau, Waage, Skorpion. Jedes eine Katastrophe. Reinhold war Widder. Er ging gern mit dem Kopf durch die Wand. Für einen Controller vielleicht nicht die wichtigste Eigenschaft, aber daß er nicht der typische Erbsenzähler war, das gefiel ihr ja gerade gut an ihm. Dafür war er ein Machtmensch. Er nahm jeden Kampf auf und hatte in der Firma alle Konkurrenten ausgeschaltet. Da sollte ihm mal einer nachmachen. Sie rechnete zurück und stellte fest, daß der Zeitpunkt um einen Widder zu produzieren leider erst wieder im nächsten Sommer kommen würde und nahm sich vor, sollte es doch nicht geklappt haben, den nächsten Versuch auf August zu verschieben.
Sie war Fisch. Was zeigte, daß auch Fische zielorientiert handeln können.

Ihre Mutter fand Reinhold egomanisch. Aber das gehört unbedingt zu einem erfolgreichen Menschen dazu. Rücksicht schwächt. Ihre Mutter war empört, als Reinhold sie damals bei ihrem Fahrradsturz allein gelassen hatte. Er war ihr wie immer davon gefahren, weil er nun mal schneller voran kam als sie. Bei dem Versuch, halbwegs Anschluß zu halten, war sie zu schnell einen Waldweg hinuntergebrettert und hatte dabei das Viehgatter übersehen. Als es vor ihr auftauchte, war es zu spät, sie rutschte beim Bremsen auf dem nassen Laub aus, flog über die Lenkstange in den Stacheldraht und wurde ohnmächtig. Ein Spaziergänger fand sie und holte über Handy die Bergwacht. Sie hatte das Schlüsselbein gebrochen, sich das Kinn aufgeschlagen und eine tiefe Wunde vom Stacheldraht gleich neben dem Auge. Reinhold hatte von dem allem nichts mitgekriegt und sich stillvergnügt unten am Parkplatz in das Wirtshaus gesetzt und eine Apfelschorle getrunken und auf sie gewartet. Ihre Mutter hatte geschäumt. „Warum hat er nicht an dem Gatter auf dich gewartet, um dich zu warnen“, fragte sie. Das war ein bißchen gemein. Warum sollte Reinhold auf sie warten, das verlangte sie gar nicht. Sie konnte gut die Verantwortung für sich selber übernehmen.

Reinhold fuhr mit quietschenden Reifen die Autobahnausfahrt hinunter. Er schimpfte immer noch vor sich hin wegen der Verspätung und versuchte, sie mit rasantem Fahren wieder gut zu machen. Er liebte die Geschwindigkeit. Bei Abfahrten mit dem Bike wurde es Susanne manchmal Angst und Bange. Er raste Landstraßen hinunter in der gleichen Haltung wie die Fahrer während der Tour de France die Abfahrt vom Alp d’Huez hinter sich brachten. Tief über die Lenkstange gebückt, in den Kurven das Rad schief gelegt und die Knie so weit nach außen, daß sie fast über den Asphalt schrammten. Sie raste hinter ihm her so gut sie konnte und versuchte, die Angst vor einem Sturz zu ignorieren. Nur wer seine Angst überwindet, ist zu wirklich Großem fähig. Das liebte sie am Mountainbiken, daß es sie an diese Art Grenzerfahrung hinführte.

Sie wußte, wenn sie stürzt, konnte auch der Profihelm vom Team Telekom, den Reinhold ihr besorgt hatte, nicht verhindern, daß sie sich vielleicht die Wirbelsäule brach. Sie zwang sich, sich solchen lebensbedrohlichen Situationen auszusetzen und wenn sie eine Abfahrt heil hinter sich gebracht hatte, war sie jedes Mal sehr stolz auf sich. Ohne Reinhold und das Mountainbiken hätte sie nie erfahren, zu welchem Mut und zu welcher Selbstüberwindung sie fähig war. Auch sie konnte Großes leisten, das hatte sie daraus gelernt. Und sie würde Großes leisten.

Reinhold jagte seinen BMW mit neunzig durch die Alpendörfer und hupte einen Mann und einen kleinen Buben zur Seite, die mit einer Herde Kühe die Fahrbahn blockierten. Die Kühe trugen Blumengirlanden und glänzende Messingglocken und trotteten gemächlich hinter dem Mann her. Almabtrieb. Konnten sie das nicht die Woche über machen, wenn nicht so viele Autos auf den Landstraßen unterwegs waren? Reinhold hupte so lange, bis sie reagierten und die Kühe so weit zur Seite trieben, daß Reinhold Platz genug zum Überholen hatte. Der Mann in der Lederhose zeigte ihm im Vorbeifahren den Vogel. Was Reinhold noch wütender machte. Arschloch, schrie er aus dem geöffneten Fenster dem Bauer zu.

Susanne überlegte, wann wohl der beste Zeitpunkt war, um ihm zu sagen, daß sie schwanger ist. Natürlich wusste sie es noch nicht sicher, aber gestern abend während sie ihn stöhnen hörte, war sie sich ganz sicher, dass er sich unnötig anstrengte, weil es ja schon geklappt hatte. Beim letzten Mal, vor vier Wochen. Sie wusste es einfach. Irgendwie hatte sie das im Gefühl. Sie hatte dagelegen, mit den Beinen nach hinten über die Schultern gebogen, was Reinhold sehr gerne mochte, weil er dann tiefer in sie eindrang und sie hatte einfach gespürt, daß da drinnen schon ein Kind wuchs. Eigentlich wollte sie es ihm noch gestern abend gestehen. Aber er war eingeschlafen, noch während sie im Bad seinen Samen wegwusch, der ihr zwischen den Beinen rauslief.
Das war der unappetitlichste Moment beim Sex, fand sie, das klebrige Gefühl danach.
Sie verstand nicht, wie Reinhold mit ungewaschenem Penis einfach einschlafen konnte. Am liebsten hätte sie auch noch die Bettwäsche gewechselt, weil sie es haßte, auf einem nassen Fleck zu liegen. Sie hatte wenigstens ein Handtuch drüber gelegt und beschlossen, ihm dann eben morgens beim Frühstück über die Schwangerschaft zu informieren.

Aber irgendwie hatte sie sich im Bad vertrödelt. Sie wollte wissen, ob man ihrem Körper schon etwas ansah. Karin hatte Schwangerschaftsstreifen gekriegt. Das mußte sie vermeiden. Und am Ende der Schwangerschaft war sie gewatschelt wie eine besoffene Ente. Auch das würde ihr nicht passieren. Sie würde von Anfang an ihr Gewicht kontrollieren und sich auf keinen Fall erlauben, zuzunehmen. Sie verstand die Frauen nicht, die sich in der Schwangerschaft so gehen ließen. Karins Mann hatte zu Reinhold gesagt, er kenne Gott sei Dank einen guten Schönheitschirurgen, falls Karin nach der Schwangerschaft nicht schnell genug wieder ihre alte Form zurück kriege. Karin, damals noch schwanger, hatte dazu gelacht. Letztendlich war das wirklich eine Option. Und wenn man Karin jetzt so ansah, hätte sie einen Chirurgen auch nötig.

Der Stau und die Kühe verschlechterten Reinholds schlechte Laune noch. Wahrscheinlich war es besser, ihn jetzt noch nicht mit der Neuigkeit zu überfallen. Wütend war er unberechenbar. Einmal, bei einer seiner wilden Bikeabfahrten hatte er eine alte Frau erwischt, die am Straßenrand saß und pinkelte. Reinhold hatte die Kurve zu eng genommen und dabei die Frau mit seinem Pedal gestreift. Sie kullerte den Abhang hinunter und lag dann ein paar Meter weiter unten im Schlamm, was sehr komisch aussah, weil ihr die Kniebundhose und die Unterhose noch unter dem Hintern hingen. Reinhold war auch gestürzt und hatte sich den Schenkel aufgeschrammt. Er war so wütend geworden, daß er zuerst die Frau im Graben anschrie, was für eine blöde Kuh sie sei, sich so weit in die Straße reinzusetzen, dann hatte er sich auf sein Fahrrad geschwungen und war verschwunden. Der Mann stand hilflos neben seiner Frau, die sich, wie sich später herausstellte, den Oberschenkelhalsknochen gebrochen hatte und nicht mehr aufstehen konnte. Sie lag da und schrie vor Schmerz. Susanne mußte über Handy den Rettungswagen verständigen und ließ später der Frau einen Blumenstrauß ins Krankenhaus bringen. Sie erzählte ihr nicht, daß es ihr Mann war, der sie umgefahren hatte. Die Frau war sehr dankbar für ihre Hilfe gewesen. Reinhold hatte noch wochenlang über die blöde Pute geschimpft, die sich in aller Seelenruhe mitten auf der Straße zum Pinkeln niederlassen mußte. Nur der Anwalt seiner Firma konnte ihn davon abhalten, gegen die Frau zu klagen und Schadensersatz zu fordern. Reinhold war es einfach nicht gewohnt, daß sich ihm etwas in den Weg stellte. Daß etwas nicht nach seinem Willen lief.

Susanne mußte den richtigen Moment erwischen, um ihm die Neuigkeit mit der Schwangerschaft mitzuteilen. Nicht, daß er auf die Idee kam, es ihr wieder auszureden. Aber das würde sie schon hinkriegen. Sie brauchte nur Zeit dafür. Sie mußte sich eine Strategie überlegen und Schritt für Schritt danach handeln. Zielorientiert.

Als sie an dem Waldparkplatz ankamen, wo der Weg hinauf zum Gipfel begann, stellte Reinhold den BMW unter einen Baum, holte die beiden Räder vom Dach, schwang sich auf das größere von beiden und fuhr ohne ein weiteres Wort davon. Sein Bewegungsdrang war so groß, daß er sich nicht die Zeit nahm, auf sie zu warten. Sie kannte den Weg. Es war nicht weiter tragisch. Susanne schaute hinter ihm her, wie er im Wiegetritt sein Fahrrad beschleunigte. Sie sah sein Hinterteil in der Radlerhose mit dem abgesteppten Mittelstück, damit seine Prostata nicht zu sehr gereizt wurde. Sie hatte gelesen, daß Sperma von Fahrradfahrern nicht so flink war wie das von anderen Männern. Sie saßen einfach zu lange auf ihrer Prostata und belasteten sie zu sehr. Angeblich bekamen die meisten Radprofis ihre Frauen nur dank künstlicher Befruchtung schwanger. Ob Reinholds Sperma auch zu langsam war? Hämorrhoiden hatte er jedenfalls vom Fahrradfahren, das wußte sie. Er benutzte eine Salbe, die er zwar im Arzneischrank versteckte, aber sie hatte sie kürzlich entdeckt. Sie hatte ihn nicht darauf angesprochen. Das war seine Sache.

Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen und schluckte entschlossen den Schluchzer hinunter, der ihr in der Kehle saß. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad, trat im Stehen in die Pedale wie Reinhold und folgte ihm.
Sie war stark. Mindesten genau so stark wie er. Sie würde nicht weinen. Nicht hier, mitten in der Pampa. Niemals.

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